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FR-online am 22.3.16: Mahnwache gegen Rechte Rassistentreffen in der Lüneburger Heide

22. März 2016 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Artikelserie "Ludendorffer"

Mahnwache gegen Rechte Rassistentreffen in der Lüneburger Heide

Von Eckhard Stengel

Wird jedes Jahr durch die Anwesenheit von Rechten verunstaltet: die Lüneburger Heide. Foto: Imago

Seit vier Jahrzehnten treffen sich regelmäßig Rechtsextremisten zu Volkstänzen und Vorträgen in der Lüneburger Heide. Bereits zum zehnten Mal protestieren Nazigegner gegen das Ostertreffen der „Ludendorffer“.

Frauen mit langen Röcken, Männer in Knickerbockerhosen, Mädchen mit Zöpfen und Kniestrümpfen: Als der Hauptschullehrer Egon Hilbich 1975 in den Lüneburger-Heide-Ort Dorfmark zog und über Ostern erstmals diese altmodisch gekleideten Menschen sah, dachte er zunächst: Da wird ein Film gedreht. Doch die Szene war nicht gestellt. Seit den 70er Jahren treffen sich in Dorfmark die „Ludendorffer“ zu ihrer alljährlichen Ostertagung, und viele von ihnen kleiden sich wie züchtige Deutsche aus der Nazizeit.

Das passt zu ihrem Weltbild: Ihr Verein namens „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff)“ steht laut niedersächsischem Verfassungsschutz für eine „antidemokratische und antimodernistische Grundausrichtung verbunden mit antisemitischen und rassistischen Positionen“. Bei den Ostertreffen wurden auch schon Neonazis gesichtet. 2013 war die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck dabei.

Verein besteht seit 1937

Dass sich seit vier Jahrzehnten regelmäßig Rechtsextremisten zu Volkstänzen und Vorträgen versammeln, störte in Dorfmark jahrelang kaum jemanden. Erst 2007 meldete Lehrer Hilbich zum ersten Mal eine Mahnwache an. Warum gerade dann? „Ich weiß nicht mehr genau, warum ich mich dazu aufgerafft habe“, sagt der mittlerweile 68-Jährige („Ich bin ein echter 68er“). Seitdem treffen sich bis zu 150 Nazigegner jeden Karfreitag vor dem Tagungslokal der „Ludendorffer“, halten Transparente hoch, zünden Kerzen an und wärmen sich mit Kaffee aus Thermoskannen – am kommenden Freitag bereits zum zehnten Mal.

Ein buntes Bündnis hat sich da gefunden, Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Grüne, Linke, Naziverfolgte. Aus Hannover reisen Jusos an, aus Bremen eine 75-Jährige. „Solche Tagungen dürfen keinen Platz in unserer Gesellschaft haben“, findet sie. Seit 2014 wird zusätzlich am Samstag demonstriert – dann auch mit Sprechchören und Lautsprechern, die am Karfreitag verboten sind.

Allianz von Feldherr und Führer: Ex-General Erich Ludendorff und Ex-Gefreiter Hitler. Foto: imago/ZUMA/Keystone

Das Treffen der Rechten zu verbieten, dafür fehlt die juristische Handhabe. Die „Ludendorffer“ sind schließlich seit 1937 ein ordentlich eingetragener Verein, gegründet von Erich Ludendorff, dem Weltkrieg-I-General und Hitler-Putschgefährten von 1923, sowie seiner Frau Mathilde, einer Ärztin, die sich auch als Philosophin verstand.

Noch heute sehen sich die Mitglieder in der Nachfolge von Mathilde Ludendorff. Auf ihrer Homepage verwahren sie sich gegen den Vorwurf, rassistisch und antisemitisch zu sein. Aber sie beharren darauf, dass die Menschheit aus Rassen bestehe. Für Mathilde Ludendorff zählte zu den „Todesgefahren der Völker“ vor allem die „Rassemischung“. Denn: „Der Rassemischling ist nicht mehr so ‚instinktsicher‘ wie der rassereine Mensch“. Die Folge: „Vor allem wird sich die Triebentartung sehr stark bemerkbar machen.“

Den meisten Dorfmarkern dürfte inzwischen klar sein, wen sie da regelmäßig beherbergen. Aber einige stören sich mehr an den Gegendemonstranten, die die heile Dorfwelt durcheinanderbringen, als an den adrett gekleideten Rassisten-Familien. Die seien doch „sehr nett und freundlich“. Vor allem aber: Die rechten Gäste – einst bis zu 300, inzwischen noch 50 bis 100 – steigern den Umsatz von Hotels und Pensionen im 3100-Einwohner-Ortsteil der Stadt Bad Fallingbostel.

Zeichen gegen Hass

Ganz wirkungslos waren die Mahnwachen aber nicht. Schon 2008 – nach Pöbeleien von Rechten gegen ausländische Demonstranten wie Nelson Mandelas Nichte Pumeza Mandela – beschloss das Fallingbosteler Stadtparlament einstimmig eine Resolution gegen die „Ludendorffer“, samt dem Appell: „Stellen Sie extremistischen oder rassistischen Gruppierungen keine Tagungsräume und Unterkünfte zur Verfügung.“ Es dauerte allerdings noch bis 2015, bis das angestammte Tagungslokal, ein Hotel mit dem passenden Namen „Deutsches Haus“, erstmals auf die lukrativen Gäste verzichtete. Doch sie fanden schnell ein Ausweichquartier: das Gasthaus „Zur Post“.

Beim Ehepaar Ludendorff in Tutzing seit 1937 zu Hause: der „nationalreligiöse“ e.V. Foto: Imago

Dabei schrieb 2015 sogar Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) ein Grußwort an die Gegendemonstranten: Sie setzten ein „ganz wichtiges Zeichen ... gegen Ausgrenzung, Hass und Ablehnung“. Und diesmal wird ein Schreiben des evangelischen Landesbischofs Ralf Meister verlesen. Wie bereits Pistorius bedankt auch er sich für den Einsatz der Demonstranten.

Die bleiben hartnäckig. Der Lehrer im Ruhestand Hilbich jedenfalls versichert: „Solange die Ludendorffer da sind, werden auch wir da sein.“

AUTOR

Eckhard Stengel

Korrespondent, Bremen

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