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Schocktherapie im Knast

26. Januar 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis

Serie | 25.01.2008 08:50 Uhr

Schocktherapie im Knast

Michael Strehlow © Stefan Schölermann

Etwas mulmig ist den 15 und 16 Jahre alten Schülern der neunten Klasse der Realschule Wietze schon zumute, als sie im Empfangsraum der Justizvollzugsanstalt (JVA) Celle die gelben Besucherausweise in Empfang nehmen. In wenigen Minuten werden sie im kargen Kommunikationsraum der JVA mit einem verurteilten Mörder zusammentreffen: mit Michael Strehlow - einem Mann, der jahrzehntelang eine Führungsperson in der rechtsextremen Szene war. Die 15 Jahre alte Desiree bringt ihre Sorgen auf den Punkt: "Ich kann mir das einfach nicht vorstellen, dass der jetzt irgendwie ein ganz anderer geworden ist."

Der Großvater war bei der SS

Doch Michael Strehlow ist tatsächlich ein anderer geworden. Der heute 35-Jährige verbüßt seit mehr als zehn Jahren eine lebenslange Haftstrafe in der JVA Celle. Freundlich empfängt er die Schüler und schildert, wie er in die rechtsextreme Szene hineingerutscht ist. Damals war er fast noch ein Kind: "Mein Großvater war bei der SS, und der hat sehr früh gemerkt, dass ich ein ziemlich großes Interesse an diesem Thema habe. Er hat mir viel erzählt vom Krieg, er hat mir auch den einen oder anderen Kameraden vorgestellt, als ich noch ziemlich klein war. Das haben die sich dann natürlich zunutze gemacht."

Schon früh auf Neonazi-Schulungen

Michael Strehlows Entwicklung ist typisch für viele in der Szene, die schon durch die Familie mit rechtsextremem Gedankengut in Berührung gekommen sind. Strehlow hat schon als junger Heranwachsender Neonazi-Schulungen durchlaufen - heute spricht er von Gehirnwäsche: "Als mein Opa gestorben ist - da war ich 13 - war meine Denkstruktur eigentlich schon so weit verfestigt, dass ich mir gesagt habe: Der Opa ist tot, dann mache ich das jetzt weiter. Das Schlimme an der Sache ist: Ich habe ihm das dann an seinem Grab auch noch geschworen."

Nachwuchs aus sozial schwachen Gegenden

In der Szene macht Strehlow rasch Karriere, wie er den Schülern erzählt. Er wird bundesweit gezielt eingesetzt, um Nachwuchs zu werben - mit Erfolg: "Ich bin in sozial schwache Gegenden gefahren, man bekommt ein Auge dafür. Man sieht wirklich Jugendliche, die sehr schwach sozial veranlagt sind und von der Familie vernachlässigt werden. Da sucht man das Gespräch in Jugendtreffs, gibt ihnen das Gefühl der Freundschaft, macht auch mal kleine Geschenke, geht zum Beispiel mal ein Bier trinken - und dann läuft der Rest fast wie von selbst."

Der geistige Ausstieg aus der rechtsextremen Welt kam nach intensiver psychologischer Betreuung im Gefängnis. Vor drei Jahren vergrub er seine Reichskriegsflagge demonstrativ im Gefängnishof. Heute will er vor allem eines: Jugendliche davor warnen, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. "Ich würde schon mein Ziel voll erreicht haben, wenn ich auch nur einen zum Nachdenken bringe."

Schüler sind beeindruckt

Bei den Schülern aus Wietze hat das Konzept offenbar funktioniert: "Man hat gesehen, dass er es bereut hat", meint Desiree jetzt. "Ich finde das auch gut, dass er über seine Probleme redet, über das, was er falsch gemacht hat. Ich glaube, das hilft uns allen sehr, den Verstand einzuschalten und das nicht zu machen."

Autor: Stefan Schölermann

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