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"Die Ausländer nehmen sich was heraus"

20. Juni 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Ausländerfeindlichkeit

Eine neue Untersuchung zeigt, wie rechtsextreme Einstellungen entstehen

Sigrid Averesch

BERLIN. Die Sätze könnten überall in Deutschland fallen. "Ich habe nichts gegen Ausländer. Aber die nehmen sich Sachen heraus, die wir nicht dürfen. Jetzt kaufen sie die ganzen Geschäfte in der Umgebung auf." Gesagt hat dies eine Frau aus dem Ruhrgebiet in einer Diskussion über das Leben in ihrer Gegend. Solche und andere Bemerkungen fielen auch in anderen Gesprächen, berichtet die Wissenschaftlerin Katharina Rothe von der Universität Leipzig. Mit ihren Kollegen Oliver Decker und Elmar Brähler hat sie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung untersucht, wie rechtsextreme Einstellungen entstehen.

Die Studie, die gestern in Berlin vorgestellt wurde, ist zwar nicht repräsentativ. Zwölf Diskussionsrunden mit 60 Teilnehmern wurden geführt. Aber sie gibt ein Einblicke darüber, wie rechtsextreme Einstellungen entstehen. Die Untersuchung führt eine repräsentative Studie mit über 5 000 Befragten fort, die im vergangenen Jahr vorgestellt worden war. In dieser Untersuchung hatten 26,7 Prozent der befragten Deutschen ausländerfeindliche Einstellungen bekundet.

Hohe Ausländerfeindlichkeit

"Am gravierendsten ist die weit verbreitete Ausländerfeindlichkeit", zog Rothe ein Fazit. Ausländer würden in Gute und Schlechte eingeteilt. Ausländerfeindliche Ressentiments würden zudem mit einer Besorgnis erregenden Selbstverständlichkeit geäußert, auch von Personen, die sich nicht als rechtsextrem einstuften. Als eine Ursache wertete Rothe einen hohen gesellschaftlichen Druck. Abweichendes Verhalten werde nicht akzeptiert. Zuwanderer, aber auch Arbeitslose würden ausgegrenzt. Die Ausländerfeindlichkeit werde dabei mit einem kulturellen Gegensatz begründet: "Die passen nicht zu uns."

Als alarmierend wertete Decker die Geringschätzung des demokratischen Systems. Mehr als 50 Prozent der Befragten im Westen und 75 Prozent im Osten hatten sich in der ersten Studie mit der Demokratie unzufrieden gezeigt. Demokratie sei für die meisten etwas "für die da oben", Wahlen seien unbedeutend, in den seltensten Fällen begriffen sich die Menschen als Teilnehmer eines demokratischen Prozesses, ergab nun die Gesprächsrunden.

Faktor Wohlstand

Demokratie werde nur geschätzt, wenn sie Wohlstand bringe. Gehe dieser verloren oder erfüllten sich die Erwartungen nicht, würden antidemokratische Einstellungen freigelegt, bilanzierte Decker. Als weiteren Grund für die Entstehung rechtsextremer Einstellungen nannte er Gewalterfahrungen in Familie oder Schule. Hinzu komme eine Aggression gegenüber Schwachen und Neid gegenüber denjenigen, denen es besser gehe.

Anderseits gebe es Entwicklungen, die demokratiefördernd seien, so Decker. Etwa die Fähigkeit, Argumente oder Prozesse kritisch zu hinterfragen. Die Fähigkeit zum Mitgefühl zähle ebenso dazu wie die Anerkennung Andersdenkender und der Gewaltverzicht. Noch immer spiele auch die nationalsozialistische Vergangenheit eine Rolle. Die Auseinandersetzung mit ihr fördere das Demokratieverständnis, betonten die Autoren der Studie.

Als Konsequenz forderten sie die Demokratisierung der Institutionen, der Schulen und Betriebe sowie eine sensible Erinnerungskultur mit dem Nationalsozialismus.

Quelle: Berliner Zeitung

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