Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog

Nährboden für Neonazis

1. November 2007 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - lokal



Braune Jungs und Kameraden: In der Heide tummeln sich Rechtsradikale unterschiedlicher Prägung.


Rechtsradikale Gruppen wie die „Snevern Jungs“ geben sich als brave Biedermänner. Schon mehrmals nahmen sie am Heidelauf teil, doch hinter der bürgerlichen Fassade steckt eine tief braune Gesinnung. Foto: Recherche Nord
  Über Nacht war die ganze Gemeinde mit Aufklebern und Plakaten überzogen. Ob auf Verkehrsschildern oder Strommasten, Haustüren oder Häuserwänden, vor Schulen oder an Bushaltestellen – überall in Bomlitz die gleichen Parolen. „Selbstschutz organisieren, verlasst euch nicht auf Staat und Polizei“, stand da etwa über einem Bild, das einen breitschultrigen Mann zeigte, der seinem Gegenüber den Ellenbogen ins Gesicht rammte.

Die angegebene Internetadresse verwies auf die „Autonomen Nationalisten Nordwest“, aber auch auf die Jungen Nationaldemokraten, die Nachwuchsorganisation der NPD – „national, sozialistisch, revolutionär“, wie sie sich auf einem Aufkleber selbst charakterisiert, mit dem Konterfei eines Knaben, der sich wie ein Hitlerjunge gestylt hat. Motto: „Jugend im Sturm.“

Der Bürgermeister von Bomlitz war von den „autonomen Nationalisten“ schon einiges gewohnt, doch diesmal wandte sich Michael Lebid an die Polizei und die örtliche Presse. Die Reaktion der Neonazis ließ nicht lange auf sich warten. Eines Morgens fand der Sozialdemokrat an seiner Haustür die aufgeklebte Drohung „Linke haben Namen und Adressen“. Vor wenigen Tagen erhielt er zudem einen Brief mit heftigen Vorhaltungen – unterzeichnet vom Sohn einer Gemeindeangestellten, doch offenkundig verfasst von den Hintermännern eines braunen Netzwerks.

Die Industriegemeinde Bomlitz ist Teil des Heidekreises Soltau-Fallingbostel. Vieles deutet darauf hin, dass die Region ein guter Nährboden für Rechtsradikale ist. In Soltau etwa zeigen sich die „autonomen Nationalisten“ auch bei Aufmärschen im Straßenbild. In Walsrode beschmierten Neonazis im Juni 2006 das Haus der Zeugen Jehovas mit Hakenkreuzen und Sprüchen wie „Juden raus“, einige Wochen später prügelten vier rechte Schläger in der Stadt auf zwei Schüler mit Antifa-Outfit ein. Und am Schlageter-Gedenkstein bei Visselhövede treffen sich Neonazis immer wieder zu Gedenkfeiern aller Art.

Vor allem Jugendliche scheinen anfällig für das braune Virus zu sein. In Neuenkirchen bildete sich 2005 unter der Bezeichnung „Aufgehende Saat“ ein Kreis, dem sich schon 13-Jährige zugesellten, um mit rechten Sprüchen und Alkohol Frust abzulassen.

Als das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) 2005 rechtsextremistische Einstellungen von 15-Jährigen untersuchte, belegte der Heidekreis einen Spitzenplatz und übertraf damit entgegen gängiger Vorurteile noch den Durchschnittswert Thüringens. 18 Prozent der Befragten stimmten fremdenfeindlichen Aussagen zu. „Was in der Heide an braun gefärbter Tradition vorhanden ist, trägt offenkundig dazu bei, die Jugendlichen auf Kurs zu bringen“, sagt KFN-Leiter Christian Pfeiffer. Tradition haben zum Beispiel die Ostertagungen einer antichristlichen „Weltanschauungsgemeinschaft“ namens „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorffer) e.V.“ in Dorfmark. Seit 30 Jahren kommen die Mitglieder mit ihren Kindern im „Hotel Deutsches Haus“ zusammen, um die rassistischen Ideen Mathilde Ludendorffs in Erinnerung zu halten. Die 1966 verstorbene Frau des gleichnamigen Generals und Kampfgefährten Adolf Hitlers unterteilte die Menschheit in „Licht- und Schachtrassen“ und warnte vor „Rassenvermischung“. Juden werden als Drahtzieher einer gigantischen Weltverschwörung betrachtet. „Die Ludendorffer bereiten mit ihrem antisemitischen, völkischen Gedankengut rechten Gruppierungen den Boden“, sagt der Weltanschauungsbeauftragte der evangelischen Landeskirche, Jürgen Schnare. „Ihren Nachwuchs rekrutiert die Gruppe über Familienangehörige und durch Ferienlager für Kinder.“

Während ihrer Ostertreffen in Dorfmark flanieren die Ludendorffer auch gern durch den Ort – die Jungen mit Kurzhaarschnitt und Knickerbockerhosen, die Mädchen mit Zöpfen und langen Röcken und die älteren Herrschaften im Trachtenlook. Wie eng die Verbindung zur rechten Szene ist, zeigte sich daran, dass der bekannte Neonazi Steffen Hupka die Ostertagung schon durch einen Büchertisch bereicherte.

Traditionen anderer Art verkörpern die „Snevern Jungs“ im Heidestädtchen Schneverdingen. Sie spenden Blut und sammeln Müll, beteiligen sich am Volkslauf und Heideblütenfest und geben sich als brave Biedermänner, während sie gleichzeitig tief im braunen Sumpf verwurzelt sind, Kontakte zur NPD und rechten Kameradschaften unterhalten und Karneval in „Ku-Klux-Klan-Kostümen“ feiern. „Wer von der Lüge lebt, muss die Wahrheit fürchten“, stand auf ihren schwarzen T-Shirts, mit denen sie am Heidelauf teilnahmen – eine Parole, mit der Rechtsextremisten gegen die Strafbarkeit der Holocaust-Leugnung protestieren. Und nach dem Volkslauf riss mancher sein T-Shirt hoch und entblößte Tätowierungen wie „AJAB“ („All jews are bastards“).

Lange sah die Stadt dem Treiben zu. Um Imageschaden von dem Fremdenverkehrsort abzuwenden, mühen sich Vereine und Kommunalpolitiker nun verstärkt, die „Snevern Jungs“ von öffentlichen Veranstaltungen fernzuhalten. Doch das ist nicht so einfach. Denn strafrechtlich ist dem braunen Spuk im Biedermeiergewand nicht beizukommen. Das Gleiche gilt auch für andere rechtsradikale Umtriebe in der Heide.

VON HEINRICH THIES


Veröffentlicht am 01.11.2007 19:50 Uhr
Quelle: Neue Presse

Diesen Post teilen

Repost 0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post