1974 wurde das Landesfürsorgeheim im schleswig-holsteinischen Glückstadt an der Elbe geschlossen. Dort wurden von 1951 an junge Menschen unter staatlicher Aufsicht weggesperrt, gedrillt, misshandelt wie missbraucht. Es ging nicht um Erziehung; einziges Ziel war, den Willen unangepasster Jugendlicher zu brechen.
Im vergangenen Jahr haben sich ehemalige Insassen der Einrichtung erstmals öffentlich zu Wort gemeldet. Die Erzählungen ihrer Schicksale sind überaus bedrückend. Sie wandten sich an die Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) und stießen bei ihr mit diesem tabubehafteten Thema auf offene Ohren. Sie holte Betroffene an einen Tisch und ließ den Erziehungswissenschaftler Christian Schrapper aus Koblenz eine erste Dokumentation erstellen. Im Landesarchiv befinden sich noch 7000 Akten, die jetzt ausgewertet werden. Dazu schafft das Ministerium kurzfristig extra zwei Planstellen.
Experten sagen heute, dass es im Strafvollzug oft humaner zuging, mehr Rechtssicherheit vorhanden war. Beispielsweise konnte man dort auch eine Ausbildung absolvieren. Otto Behnck (56), einer der damaligen Zöglinge, versteht nicht, warum die Aufklärung der Vorgänge so schleppend vorankommt. Der heute als Markthändler arbeitende Geschäftsmann verbrachte nur drei Monate von Oktober 1970 bis Januar 1971 in dem Glückstädter Heim. Er hatte sich mit seinen Eltern überworfen, die die Jugendbehörde einschalteten. Das zuständige Amtsgericht ordnete Fürsorgeerziehung an, obwohl Behnck weder straffällig noch gewalttätig geworden war. Als seine Eltern bei einem Besuch mitbekamen, welche Methoden in Glückstadt angewandt wurden, holten sie ihren Sohn wieder ab.
Behnck fühlte sich dennoch gedemütigt, konnte aus Scham Jahrzehnte nicht darüber reden. Als er sich offenbarte, war es wie eine Befreiung. Er hat aus Gesprächen, eigener Erinnerung und durch Recherchen herausgefunden, dass es in dem 1980 abgerissenen Gebäude am Eckernförder Jungfernstieg auch zu Selbstmorden und anderen Todesfällen gekommen ist. Daher fordert er eine tiefer gehende Untersuchung der Ereignisse.
Die Heiminsassen sind auch aus anderen Teilen Westdeutschlands in die Erziehungsanstalt nach Glückstadt gekommen. So verbrachte unter anderem der RAF-Terrorist Peter Jürgen Boock dort einen Teil seiner Jugend. Anfang 1969 gab es eine Rebellion hinter den Mauern des roten Backsteingebäudes. Matratzen wurden angezündet, Zöglinge verbarrikadierten sich. Gewaltsam wurde der Aufstand niedergeschlagen.
Dort hatten die Jugendlichen Anstaltskleidung und Holzlatschen zu tragen, auf dem Dachboden mussten sie Fischernetze knüpfen. 1000 Knoten wurden mit einer Zigarette belohnt. Ferner waren die Insassen in Betrieben von Glückstadt und in der Landwirtschaft zum Arbeitseinsatz verpflichtet. »Das war nichts anderes als Zwangsarbeit«, so Behnck.
Nach und nach schlossen vergleichbare Einrichtungen bundesweit – Glückstadt war eine der letzten. Dafür hat sie eine lange Geschichte: In der NS-Zeit diente sie als Schutzhaft- und Arbeitserziehungslager. Sogar die alten Streifenhemden mit dem Aufdruck »Außenkommando Glückstadt« und dem roten Winkel der politischen Häftlinge mussten getragen werden. Dazu nutzte man die verbliebenen Karteikarten der Nazis. Auf der Pappe ersetzte man »Arbeitserziehungslager« durch »Landesfürsorgeheim«, »Häftling« durch »Zögling«, »Lagerkommandant« durch »Heimleiter«.
Inzwischen sprechen alle Parteien im schleswig-holsteinischen Landtag, der sich in der letzten Woche mit dem Thema befasste, von geschehenem Unrecht. Allein, zu einer öffentlichen Entschuldigung konnte man sich nicht durchringen. Im September soll eine interfraktionelle Resolution beschlossen werden.
»Wir beharren auf einer Entschuldigung!«, sagt Behnck Für Monika Heinold, Abgeordnete der Grünen, steht außer Frage, dass die Betroffenen durch ihre Arbeitsleistungen in Glückstadt
Rentenansprüche erworben haben: »Diese Frage kann aber nicht in Schleswig-Holstein entschieden werden. Dazu bedarf es einer Gesetzesinitiative von Bundesseite.« Der Verein ehemaliger Heimkinder
geht von bis einer Million Betroffenen in rund 3000 staatlichen und kirchlichen Fürsorgeheimen der ehemaligen Bundesrepublik aus.
Internet-Seite der Betroffenen: www.landesfuersorgeheim-glueckstadt.de
Den Artikel finden Sie unter: http://www.neues-deutschland.de/artikel/132471.fuersorge-im-streifenhemd-der-nazis.html
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