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Charly streitet gegen rechts

9. Oktober 2007 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - lokal

Das Porträt eines unermüdlichen Kämpfers, der kaum eine Demonstration auslässt, um auf die Gefahren des Rechtsextremismus hinzuweisen: Heinz-Dieter ("Charly") Braun.


Sein Name ist Braun, seine Gesinnung ganz anders. Heinz-Dieter Braun hat allen braunen Umtrieben im Land den Kampf angesagt. Der studierte Sozialarbeiter aus Hannover, allgemein bekannt als „Charly“, reist seit Jahren zwischen Ems und Elbe, Nordsee und Harz umher, um Rechtsradikale unter die Lupe zu nehmen, über ihre Aktivitäten aufzuklären und Widerstand dagegen zu organisieren. Im Zentrum seines Blickfelds steht die Lüneburger Heide, die sich derzeit als besonders fruchtbarer Nährboden für Neonazis erweist.

Ob Germanenkult oder Heimattümelei, „Snevern Jungs“ mit Biedermeieranstrich und NPD-Vernetzung oder „autonome Nationalisten“ mit Che-Guevara-T-Shirts und NS-Parolen – der gebürtige Heidjer nimmt alles ins Visier, was die Verbrechen des Nationalsozialismus verklärt und unter neuer Fahne wiederbelebt. „Ich sehe meine Aufgabe darin, diesen Leuten die Kostümierung zu entreißen, sodass sichtbar wird, was sich darunter verbirgt“, sagt Braun.

In der hannoverschen Geschäftsstelle der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) hat der hagere Mann mit den weißgrauen Haaren, der in Kürze sechzig wird, in etlichen Kisten und Ordnern Flugblätter und Plakate, Aufkleber, Fotos und Internetpamphlete gesammelt. Sie legen ein beredtes Zeugnis darüber ab, wes Geistes Kind die unterschiedlichen Neonazigruppen sind. Pressetexte dokumentieren, was der engagierte Gewerkschafter schon alles gegen sie unternommen hat – als Kundgebungsredner, aber auch als Demonstrant im Weihnachtsmannkostüm. Bei einem der vielen Aufmärsche, die er gestört hat, ist ihm ein Baseballschläger mit Neonazi-Gravur in die Hände gefallen, ein Souvenir der besonderen Art.

Der Kampf gegen Rechtsextremisten ist für „Charly“ schon seit Jahrzehnten eine Art Lebensaufgabe. Fragt man ihn nach den Wurzeln, kommt er schnell auf das Heidedorf zu sprechen, in dem er als Sohn eines Schuhmachermeisters aufgewachsen ist: Eickeloh, eine 900-Einwohner-Gemeinde im Aller-Leine-Tal. Eine Begebenheit in der Dorfkneipe Anfang der sechziger Jahre sei zum Schlüsselerlebnis für ihn geworden, sagt er: „Ein ehemaliger Wehrmachtssoldat hat davon geprahlt, was er mit polnischen Frauen gemacht hat. Das ist mir auf den Magen geschlagen.“

Er war bestens integriert, gehörte dem Spielmannszug und Sportverein an, doch der Volkstrauertag des Jahres 1967, seinerzeit noch „Heldengedenktag“ genannt, brachte ihn unversehens ins dörfliche Abseits. Vom nahen Soldatenfriedhof in Essel waren drei Kränze gestohlen worden, die Anhänger der Waffen-SS und andere Altnazis niedergelegt hatten. Braun äußerte in einem Leserbrief Verständnis für den Diebstahl und wurde daraufhin prompt in aller Öffentlichkeit als „Vaterlandsverräter“ beschimpft und mit Prügel bedroht.

Daran änderte sich auch nichts, als er sich mit Pastoren verbündete, die bei den Volkstrauerandachten in den folgenden Jahren die gefallenen Soldaten nicht mehr als Helden ehrten, sondern als bedauernswerte Opfer – Predigten, die den Soldatenfriedhof fortan zum Schauplatz wütender Proteste der HIAG (Hilfsorganisation auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Waffen-SS) machten. Mit Gleichgesinnten organisierte Braun so Gegendemonstrationen und geriet dabei in manche Rangelei.

Kritisch wurde es für den Schuhmachersohn, als Mitte der achtziger Jahre Autonome aus Hamburg Grabsteine auf dem Soldatenfriedhof umgestoßen hatten. „Da ich als Drahtzieher galt, war klar, dass ich auch der Grabschänder war“, sagt er. „Obwohl ich nichts damit zu tun hatte, verfolgt mich die Sache bis heute.“

Mit hintersinnigem Lächeln kramt Braun zwei Trauerschleifen hervor – „Beutestücke“ vom Volkstrauertag 2006. „Den Kameraden der HIAG“ und „Treue um Treue“, steht darauf. „Viele Jahre hatten sie es nicht mehr gewagt, auf dem Soldatenfriedhof in Essel ihre Kränze abzulegen“, sagt Braun. „Auch daran sieht man, wie sich die Zeiten gewandelt haben.“

Die Erscheinungsformen des Rechtsextremismus indessen sind vielfältiger geworden. Nicht nur die alten Kameraden, schon 13-Jährige huldigen heute in der Heide den zweifelhaften „Helden“ von damals. Und „Charly“ beobachtet, wie die „autonomen Nationalisten“ mit revolutionärer Pose Sozialabbau und Globalisierung anprangern. „Man darf diese Themen nicht den Nazis überlassen“, sagt er. „Man muss darüber nachdenken, was diesen Leuten den Boden bereitet.“

Der Gewerkschaftler betreut in der Gedenkstätte Bergen-Belsen seit 1993 internationale Jugend-Workcamps, die schon Fundamente der KZ-Anlage freigelegt oder Stacheldrahtreste und Häftlingsbekleidung aus dem Boden gegraben haben. „Dabei kommt es darauf an, den Holocaust mit allen Sinnen erfahrbar zu machen“, sagt Braun, der dazu beitrug, dass im nahegelegenen Hetendorf ein geplantes Schulungsheim des Neonazi-Anwalts Jürgen Rieger verhindert wurde. Bei der Auseinandersetzung um den „Heisenhof“ in Dörverden bei Verden setzte er seinen Kampf gegen Rieger fort.

Verständlich, dass er sich so in der rechten Szene nicht eben beliebt machte. „Ah, da ist ja Charly, dich kriegen wir auch noch“, riefen im März in Soltau „autonome Nationalisten“, die eine Informationsveranstaltung zu stören versuchten. Die Liste der Internet-Attacken ist mittlerweile lang. Doch davon lässt „Charly“ sich nicht schrecken. „Ich werde mich nicht verkriechen“, sagt er. „Darauf warten sie ja nur.“

von Heinrich Thies


Veröffentlicht am 09.10.2007 07:27 Uhr
Zuletzt aktualisiert am 09.10.2007 07:27 Uhr

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