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Terror gegen jüdische Nachbarn

3. November 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Historisches

 Monheim, 31.10.2008
HISTORIE. Helene Wagner überlebte als einzige Jüdin in Monheim die Schikanen der Nationalsozialisten.Sechs Grabsteine stehen auf dem kleinen Friedhof in der Sandberg-Siedlung. Sie erinnern an die Chronik der Monheimer Familien Herz, Wagner und Oster. ...

... Ein Gang über den jüdischen Friedhof erinnert an das finsterste Kapitel deutscher Geschichte, das am 9. November 1938 mit der Pogromnacht schon früh einen traurigen Höhepunkt fand und auch in Monheim Narben und Spuren hinterlassen hat. In kleinen Städten und Gemeinden waren die Juden oft Nachbarn. Trotzdem verfolgten Deutsche alteingesessene Mitbürger. Monheimer Nationalsozialisten machten da keine Ausnahme. 16 Juden, die noch nach 1933 in Monheim wohnten, durchlitten alle Qualen des Holocausts. In einer dreiteiligen Serie erinnert die NRZ an die Pogromnacht am 9. November 1938 in Monheim. Heute der zweite Teil. MONHEIM. "Der Jude ist kein Bürger, er ist ein Würger" hetzte die SA schon 1933 öffentlich. Dazu setzte sie auch in Monheim geschmückte Lastwagen ein, die mit Greul-Parolen beklebt waren. Der bunte Rahmen um die Hetz-Aktionen erfüllte den propagandistischen Zweck, das Volk ließ sich schnell zum Handlanger machen.

Wie jüdische Mitbürger von ihren engsten Nachbarn verfolgt wurden, schildert drastisch das Schicksal der Jüdin Helene Wagner, die als einzige den Terror in ihrer Heimatstadt Monheim überlebte. In den Archiv-Unterlagen konnte der Nazi-Experte und frühere Volkshochschul-Leiter Karl-Heinz Hennen das Leiden der Familie Wagner in allen Einzelheiten verfolgen. Zeitzeugen bestätigten die Aktenvermerke.

Kündigung verweigert

Helene Wagner lebte mit ihrem nicht-jüdischen Ehemann Hermann schon lange in friedlicher Nachbarschaft mit Familie G. und der Nutznießerin des Hauses, Frau B., in der Frohnstraße 28. Im Frühjahr 1941 kommen die G.'s plötzlich auf die Idee, dass Ehepaar Wagner mit Hilfe rassistischer Gesetzgebung aus dem Haus zu vertreiben. Sie möchten für eine Nichte, die bald heiraten wird, eine Wohnung freimachen.

Der zuständige Ortsgruppenleiter U. befasst sich mit dem "Fall". Um juristische Hilfe bittet er beim Amtsgericht Opladen, dem er ein Schreiben schickt und die "unmöglichen" Zustände in der Frohnstraße schildert. Da ist von lebhaftem häuslichem Verkehr mit vielen anderen Juden die Rede. Eine starke Belästigung für die "arischen" Mitbewohner sei das gemeinsame Benutzen der Toiletten-Anlage mit der "Judenfrau". Der befragte Jurist muss dem Ortsgruppenleiter "leider" mitteilen, dass eine Klage auf Räumung nur dann Aussicht auf Erfolg habe, wenn durch jüdischen Besuch eine starke Belästigung nachzuweisen sei. Familie G. versucht nun mit dem Antwortschreiben Frau B. zu veranlassen, den Wagners zu kündigen.

Frau B. aber weigert sich, die gut bekannten Mieter auf die Straße zu setzen. Außerdem ist sie als eins von mehreren Mitgliedern einer Erbengemeinschaft dazu nicht berechtigt. Aber auch die Hildener Miterben, die Familie K., kommen den G.'s nicht entgegen. Sie verweigern ebenso die Kündigung. Die informierte Hildener Ortsgruppen-Leitung empfiehlt hingegen, dass eine Scheidung des Ehepaares Wagner die Angelegenheit am günstigsten regeln würde.

Mut, sich gegen das Regime zu stellen, bewiesen nur wenige Deutsche während des Nationalsozialismus'. Die Hildener Familie K. aber reagiert für die Zeit völlig ungewöhnlich und forsch. Sie schreibt den "rassistischen Querulanten" einen bösen Brief, in dem sie dazu auffordert, die unlauteren Machenschaften endlich einzustellen. Ansonsten hätten sich die G.'s eine andere Wohnung zu suchen.

Es gab nur wenige Ausnahmen

Viele Schreiben gehen noch zwischen der Ortsgruppen-Leitung und übergeordneten Stellen hin und her. Die Wortwahl wird immer drastischer, gipfelt in Sätzen wie: "Sollen etwa die Volksgenossen weichen, damit die Juden triumphieren können?" Dennoch schlägt sich das System mit seinen eigenen Waffen und kommt im Fall Wagner nicht zum Erfolg, der mit allen schmutzigen Mitteln angestrebt wurde: Obwohl jüdische Bürger seit 1939 keinen rechtlichen Kündigungsschutz mehr genießen, kann das Gesetz auf das Ehepaar Wagner nicht angewendet werden. Sie gehören zu den Ausnahmen: "Arische" Bürger, die "nur" eine jüdische Ehefrau hatten.

"Jude bleibt Jude" urteilt die Ortsgruppe später. Rache muss sein, deshalb wird Helene Wagner 1943 in 20-tägige Schutzhaft genommen, ihr Ehemann strengstens verwarnt. Grund: Die Mitbewohner seien schikaniert worden.

Im Herbst 1944 besinnen sich die Nazis erneut ihres Opfers Helene Wagner. Sie sitzt bis zum Kriegsende im Berliner Frauengefängnis. Selbst ihr Ehemann wird noch kurz vor Ende des Krieges von der Gestapo verhaftet.

Die Mehrheit der Monheimer stand hinter den Nazis. Ausnahmen gab es nur wenige. Wie Zeitzeugen Hennen erzählten, waren einige Bauern trotz stikter Verbote bereit, weiterhin Vieh von jüdischen Händlern zu kaufen. Die meisten Monheimer Juden lebten bis zum Ausbruch der Verfolgung von diesem Geschäft. Auch ist eine Goldhochzeit bekannt, zu der jüdische Mitbürger eingeladen wurden.

Kleine Gesten, aber dennoch Lichtblicke in einer finsteren Zeit...

Quelle: Der Westen

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