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Analyse: Trillerpfeifen statt Teddys

16. Mai 2009 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #soziale Gerechtigkeit - gewerkschaftliche Kämpfe

Thema des Tages


Analyse: Trillerpfeifen statt Teddys

Von Marianne Allweiss, dpa

Köln/Berlin (dpa) - Die Erzieherinnen spielen nicht mehr mit. Statt Kinderbücher vorzulesen, Streit zu schlichten, beim Basteln zu helfen oder Windeln zu wechseln, verweigern sie am Freitag zu Tausenden die Arbeit.

«Diese Einrichtung wird bestreikt», lesen viele Eltern am Morgen, als sie vor verschlossenen Türen der kommunalen Kindertagesstätten stehen. In hunderten Kitas in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen, Schleswig-Holstein, Bremen, dem Saarland und Baden-Württemberg bleiben Kinderstühlchen unbenutzt auf den Tischen stehen. Viele Erzieherinnen gehen stattdessen für ihre Gesundheit auf die Straße, mit Trillerpfeifen und Transparenten bewaffnet.

«Wir kriechen doch nur noch auf allen Vieren», klagt Erzieherin Rita Gabriel in Köln bei einer Protestveranstaltung mit ver.di-Chef Frank Bsirske. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und ver.di wollen für die bundesweit 220 000 bei Kommunen beschäftigten Erzieherinnen und Sozialarbeiter einen tarifvertraglich geregelten Gesundheitsschutz erstreiken. «Das ist überfällig. Wir haben einen hohen Krankenstand, von neun Kräften sind oft nur vier da, weil die Stressbelastung immer höher ist und die Rahmenbedingungen schlecht sind», klagt Erzieherin Michaela Wolf.

Der Rücken schmerze, wenn man ständig auf Mini-Stühlchen sitze, Kleinkinder zum Trösten auf den Arm oder zum Wickeln auf die Kommode hebe. Der ständige Lärm sei «Stress pur». Eine Kollegin ergänzt: «Bei fast 30 Kindern in der Gruppe überschreit ein Kind das andere, was glauben Sie, was da täglich bei uns los ist?»

Ein Gesundheitstarifvertrag soll laut ver.di sicherstellen, dass jede Erzieherin einmal pro Jahr eine Arbeitsplatzanalyse machen darf. «Liegt eine Gesundheitsgefährdung vor, muss diese in Zusammenarbeit mit den Betroffenen abgeschafft werden», erklärt ver.di-Sprecher Jürgen Reichert die Forderung. Pausenzeiten, ein passendes Mobiliar für erwachsene Körpermaße oder bauliche Maßnahmen wie Lärm-Dämmung könnten Abhilfe schaffen.

«Diagnose Kinderstühlchen: Bandscheiben-Vorfall, Knieprobleme», heißt es auf einem Transparent eines Demonstrationszugs durch die Kölner Innenstadt, den Bsirske anführt. «Wir haben einen langen Atem. Das wird künftig noch gesteigert», betont der ver.di-Chef.

Laut GEW und ver.di sind 11 000 Erzieherinnen und Sozialarbeiter im Arbeitskampf, das ist mehr als für die erste Streikwelle erwartet worden war. In Nordrhein-Westfalen - mit 5500 Teilnehmern ein bundesweiter Schwerpunkt - zeigen viele Eltern Verständnis für die Aktion. Vor allem die überraschten Väter und Mütter sind aber auch ungehalten: «Ich kann zwar verstehen, dass die Erzieherinnen bei all dem Stress und Geschrei auch mal Rabatz machen, aber wenn ich jetzt nicht noch schnell die Oma aktivieren kann, bin ich aufgeschmissen», sagt ein 46-Jähriger aus Aachen. Jan Derks aus Köln muss für seine Sprösslinge Lennart (1) und Marie (5) Nachbarn um Hilfe bitten: «Erst passen die Nachbarn von ganz rechts auf, dann die von zwei Häusern weiter.»

Dagegen sagt Susanne Reuter aus Lüdenscheid, die vorgesorgt hatte: «Es ist doch nur im Interesse unserer Kinder, wenn die Erzieherinnen fit und motiviert sind und nicht so ausgebrannt.» Eine prominente Sympathie-Bekundung kommt von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU): «Dieser Beruf muss besser in der Bewertung werden», meint sie. Das Anliegen der streikenden Erzieherinnen hält die siebenfache Minister-Mutter für berechtigt.

«Die Gruppen sind überbelegt, viele Kinder sind auffällig. Die Belastung und Anforderungen sind gleichzeitig extrem gestiegen, deshalb brauchen wir mehr Personal», verlangt Erzieherin Martina März. «Wir müssen ja heute auch viel mehr Bildungsarbeit und Sprachförderung leisten, auch mit Blick auf die Migrantenkinder.» Melanie Kulik, streikende Erzieherin und Mutter eines einjährigen Jungen, musste selbst umorganisieren, um die Arbeit niederlegen zu können: «Ich habe das Glück, die Oma einspannen zu können, aber ich weiß wohl, dass viele Eltern Not haben - das tut mir Leid.»

 


Artikel vom: 15.05.2009

Quelle: Walsroder Zeitung Online 15.05.2009

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