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Hamburg, eine Antinazistadt!?

18. Mai 2009 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - Norddeutschland

 

 Hamburg ist schön. Hamburg ist weltoffen. Hamburg ist tolerant. Jawoll und wir von 'laut gegen nazis'kommen daher. Jahrzehntelang berufen sich richtige Hamburger darauf, dass sie in einer Seehafenstadt wohnen in der Menschen aus aller Herren Länder mit ihrem Schiff anlegen. Da kann man ja nur tolerant sein. Und gegen Nazis. Ein Blick auf die Stadtgeschichte bietet jedoch auch andere Einblicke.

Eine Betrachtung von Jörn Menge*

45 Gewaltopfer und 369 Delikte durch Nazis im Jahre 2008, berichtet aktuell Hamburgs Verfassungsschutz. Schon lange wissen wir, dass auch die Stadt an der Elbe nicht nazifrei ist. Da hätten wir z. B. den 2. Vorsitzenden der NPD und Nazianwalt Jürgen Rieger, der zugleich Vorsitzender einer „Artgemeinschaft Germanischen Glaubens“ ist. Dieser Mann wohnt im feinen Hamburger Elbvorort Blankenese. Nobel, seine direkt an der Elbchaussee stehende Villa hat schon ein paar Quadratmeterchen. Rieger sammelte Wehrmachtsfahrzeuge auf dem Heisenhof in Verden, den er übrigens eine zeitlang als Ort für Arierforschung betreiben wollte, liebt Sturmgewehre der Wehrmacht, kauft Häuser um diese für Schulungzwecke von Kameradschaften zu nutzen (z. B. Pößneck, wo demnächst das Neonazifest der Völker stattfinden soll) und behauptet wohl auch, die Allierten hätten heimlich 1945 den Holocaust begangen. So gilt Rieger nicht nur als Mann kühner Fantasie, sondern auch als Mann der Tat und verfügt offensichtlich auch über hervorragende Kontakte zu rechtsextremen Kameradschaften. Ein Bindeglied zu dieser Szene scheint der in U-Boot Uniform-ähnlicher Lederbekleidung bei jedem Naziaufmarsch als führende Figur auftretende Hamburger Thomas „Stürmer“ Wulf zu sein. Fazit: mitten in Hamburg sitzt sozusagen die Zentrale der heutigen Menschenverachter, von Christian Worch, einem notorischen Daueranmelder von Naziaufmärschen quer durch die Republik, ganz zu schweigen.

Aber auch auf den Straßen Hamburgs stellen wir einen offensichtlichen Trend fest. Immer offener wird Nazi-Gedankengut transportiert, Rassismus gehört zum Alltag und antisemitische Sprüche sind durchaus in Kneipen und sonstwo zu erkennen. In schönen Parks nahe der Elbe entdeckt der Spaziergänger auch gerne mal in Bäume eingeritzte Hakenkreuze, SS-Runen und was die Szene noch so hergibt.

Im letzten Jahr hatte die HSH Nordbank angeblich aus Versehen einem Thor Steinar Laden in ihrer Einkaufspassage (Innenstadt) Ladenfläche vermietet. Dieser Laden lief richtig gut an und machte offensichtlich hervorragenden Umsatz. Aufgrund des entstandenen Mediendruckes und den Protesten von vergleichbar wenig Hamburgern direkt vor dem Einkaufspalast, handelte die HSH Nordbank hinter verschlossenen Türen mit den Naziladen-Betreibern die Auflösung des Mietvertrages aus. Bis heute wissen wir nicht, ob die HSH-Nordbank und in welcher Höhe Geldbeträge an die unerwünschten Mieter gezahlt hatte, damit diese schnell wieder ausziehen. Die Mehrheit der Hamburger und vor Allem der Hamburger Senat äußerten sich nicht allzu viel zu der damalig kurzzeitigen Nazispräsenz. Hamburger sind halt diskret.

"Hamburger sind halt diskret"

Die Hamburger waren bis zum 1. Mai 2008 immer bemüht diskret mit dem Thema Rechtsextremismus umzugehen. Erst als 1.500 Nazis die gesamte Stadt und vor allem den Bezirk Barmbek lahmlegten, konnten wir seitens der Polizei und der Stadt erstmalig hören, dass die dort stattgefundene Gewalt tatsächlich von den Nazis ausging. Wow. Sonst konzentriert sich die Stadt Hamburg ja eher auf die bösen linksextremen Autonomen in der Schanze, deren Gewaltpotenzial auch wir klar verurteilen und vergißt gerne die Kleinigkeit, dass wir in den Stadtteilen Bergedorf, Lohbrügge, Lurup und vor allem Harburg schon lange gut organisierte Nazis beherbergen. Aber immerhin hatte die linke Szene massiv demonstriert, als 19.2 % der Hamburger den Rechtspopulisten Ronald Schill in den Senat wählten,der sich dann zum Glück selbst wieder aus der Regierungsverantwortung als Innensenator unter Bürgermeister Ole von Beust (CDU)  herauskatapultierte.

Der Nachgeschmack des Schill-Erfolges ist bemerkenswert. Die Hamburger, die ja behaupten, dass sie so tolerant sind und überhaupt keine rechten Tendenzen haben, hatten Schill der mit rechtsradikaler Polemik und Forderungen wie „Obdachlose aus der Innenstadt zu entfernen“, „härtere Maßnahmen gegen Straftäter, Drogenabhängige und ausländische Mitbürger zu installieren“ geradezu toleriert. Als der Mann Innensenator war, gab es Menschen in der Stadt, die dann sagten - „ist doch gar nicht schlecht-endlich schafft mal einer Ordnung!“. Schill stolperte über sich selbst. Arrogant und anmaßend führte dieser seine Regierungsgeschäfte, strickte Intrigen und wurde dann durch Skandale die seinen eigenen Phrasen absolut widersprachen von seinem Posten entfernt. Später sah man ihn in Youtube-Videos koksend in Brasilien.
Das einzige was der Mann dann wirklich schaffte und heute bundesweit als Vorbild gilt, war die Einführung von hübscheren Uniformen für die Polizei. Wir geben zu, modisch gesehen durchaus schöner als die Uniformen der Jahre zuvor.

Reaktionen des Senats und des Bürgermeisters eher spärlich

Sehr oft haben wir im Rahmen der Kampagne Laut gegen Nazis versucht die Stadt Hamburg in Form von Einladungen zu unseren Pressekonferenzen an den Bürgermeister Ole von Beust oder auch die Stellveretreterin Christa Götsch zu einer Stellungnahme zum Thema Rechtsextremismus in der Stadt zu bewegen. Immer ohne Erfolg. Auch dann wenn wir hamburgrelevante Themen wie den Thor Steinar Laden vorbrachten oder den bundesweiten Trend der rechtsextremen Szene und dessen Auswirkung für Hamburg.
Überhaupt konnten wir bisher nur wenig Stellungnahmen zu dem Problem in den Medien vernehmen. Ganz nach dem Motto-in Hamburg fällt es nicht auf, wenn Nazis ihr Unwesen treiben. Hier wünschten wir uns, dass gerade diejenigen die Verantwortung in der Stadt tragen doch noch mehr „Hingucken“.
Das mit dem „Hingucken“ hat nie so gut geklappt. Auch die Bewältigung der Nazigeschichte in der Stadt, läßt durchaus zu Wünschen übrig.

Beispiele für die Geschichtsaufarbeitung der Hamburger


Nehmen wir doch einmal das Beispiel Neuengamme im schönen Vierlanden und zur Stadt gehörend. Viele lange Jahre stand dort auf dem ehemaligen Gelände des Konzentrationslagers ein Jugendknast. Da war es egal, welche Partei die Senatsregierung stellte. Dieses Ding wurde immer weiterbetrieben. Inzwischen ist zwar auch dieser Zustand Vergangenheit und in den letzten 10 Jahren entstand dort ein Ort des Erinnerns an die Opfer des Nationalsozialismus, aber bis dahin hatte es ohne große Proteste aus der Stadt ja auch fast 60 Jahre gedauert. Hamburg halt. Im Konzentrationslager Neuengamme und dessen Außenlagern wurden ca. 42.000 Menschen von den Nazis ermordet. Weitere Informationen dazu hier.

Immer dann, wenn man auf die Zeit zwischen 1933 bis 1945 und das Verhältnis der Hamburger zu den Nazis anspielt, war keiner dabei, von der Generation die durchaus dabei hätte sein können. Da hört man dann so Antworten wie „Die Hamburger waren immer links““ –„... die Kommunisten haben schon vor 1933 die Schlägertrupps der Nazis aus dem Viertel vertrieben“ und „..diese Stadt wurde nach dem Krieg jahrelang von der SPD regiert.“ Wie beruhigend, könnte man denken. Könnte...denn natürlich ist es nicht so, was ich gerne mit folgendem Beispiel illustrieren möchte:

Eines der einschneidensten Begegnungen in meinem Leben war ein Treffen mit Lucille Eichengreen geb. Cecille Landau, deren Buch „Von Asche zum Leben“ von der Band „Silbermond“ für die Kampagne Laut gegen Nazis als Hörbuch vertont wurde. Eine Grand Dame vor der ich ehrfürchtigen Respekt habe. In ihrem Buch beschreibt die in Hamburg geborene Jüdin die Ermordung ihrer Familie durch die Nazis. Sie erlebte das Ghetto Lodz, Auschwitz, Neuengamme, Bergen Belsen und überlebte als einziges Familienmitglied. Nach dem Krieg half sie den Briten bei der Verhaftung der NS-Schergen, die sie in Hamburg während der Inhaftierung gequält haben. Sie war in dieser Stadt geboren. 1945 zog es sie nach diversen Morddrohungen von Naziverbrechern nach Amerika. Erst nach ca. 50 Jahren betrat sie wieder deutschen Boden und besuchte ihre Geburtsstadt. Von ihr stammt der Satz „Ich kann nicht vergeben und vergessen“. Bei unserem „Treffen in Hamburg 2007 ergänzte sie:

„Hamburg ist nich mehr meine Heimat – diese Stadt hat sich nie bei mir entschuldigt – nie hat sich jemand bei mir gemeldet und bereut, was gerade die Hamburger Nazis meiner Familie angetan haben.“


*) Der Autor leitet die Musikkampagne lautgegennazis.de in Hamburg


www.mut-gegen-rechte-gewalt.de & www.laut-gegen-nazis.de /

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