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An Thüringer Universitäten werden Studierende von Sozialhilfebeziehern ausgebildet. Doch die betroffenen Lehrkräfte wehren sich

1. Dezember 2009 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Bildung

Von Heidrun Jänchen, Jena

Ganz unten: In Thüringen bleiben manchem Unidozenten gerade
Ganz unten: In Thüringen bleiben manchem Unidozenten gerade mal 200 Euro zum Leben
Sie ist Dozentin, lehrt an einer deutschen Universität – und lebt von Sozialhilfe. »Ich bin Hartz-IV-Empfängerin«, erzählt Heike S. Gerade mal 470 Euro im Monat bekommt die alleinerziehende Mutter für ihre Arbeit an der Hochschule. Dabei entspricht der Umfang ihrer Lehrveranstaltungen einer halben regulären Stelle. Heike S. ist kein Einzelfall. Ihre Kollegin Yvonne K. scheut sich, Hartz IV zu beantragen, obwohl ihr etwa 100 Euro zustünden. Sie will nicht ihr gesamtes Leben offenlegen. Da sie ihre Sozialversicherung selbst bezahlen muß, bleiben ihr nur 207 Euro zum Leben.

Beide Frauen sind Lehrbeauftragte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Als Selbständige halten sie Seminare und Vorlesungen. »Zur Ergänzung des Lehrangebots können Lehraufträge erteilt werden, heißt es im Hochschulrahmengesetz. Das ist durchaus sinnvoll. Ermöglicht es doch, auch Fachkräfte, die außerhalb der Uni arbeiten, für Veranstaltungen zu gewinnen.

Die Realität ist eine andere. Seit 1995 wurde an Thüringer Hochschulen der Personalbestand des akademischen Mittelbaus – das sind festangestellte Dozenten und Assistenten – laut Statistischem Landesamt auf 37 Prozent geschrumpft. Es verblieben noch 90 Mitarbeiter an zwölf Bildungseinrichtungen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Studenten auf mehr als 50000. Die werden zunehmend von Lehrbeauftragten betreut. Deren Zahl hat sich seit 1995 auf 1400 verdreifacht.

Besonders problematisch ist die Situation in den Sprachfächern an der Philosophischen Fakultät der Jenaer Universität. Am Institut für Volkskunde werden inzwischen vier Fünftel der Veranstaltungen durch Lehrbeauftragte abgedeckt. Knapp 19 Euro erhalten diese pro gehaltener Stunde. Einen Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Urlaub oder den Arbeitgeberanteil an der Sozialversicherung haben sie nicht. Die Honorarkräfte müssen zudem einwilligen, daß Zeiten für die Vorbereitung der Seminare, Korrektur von Hausarbeiten, Beratungsgespräche mit Studenten, organisatorische Arbeiten und sogar Prüfungen nicht abgerechnet werden. Die Folge: Etwa die Hälfte ihrer Arbeitszeit bekommen sie nicht bezahlt. Durch die Umstellung auf die Bachelor-Studiengänge hat sich die Situation noch verschlechtert.

Doch den Lehrkräften bleibt oft keine andere Wahl, wenn sie ihre Chance auf eine Festanstellung an der Universität wahren wollen. Verschärft wird das Dilemma durch das Thüringer Personalvertretungsgesetz, das den Personalräten lediglich ein beschränktes Mitspracherecht bei wissenschaftlichen Mitarbeitern einräumt. Sie dürfen nur dann aktiv werden, wenn sie um Hilfe gebeten werden. Die Schutzmechanismen, die in allen privaten Unternehmen gelten, wurden ausgerechnet im öffentlichen Dienst ausgehebelt.

Inzwischen versuchen die Betroffenen, eine Art Selbsthilfegruppe über Institutsgrenzen hinweg zu organisieren. Sie sammeln realistische Stundenabrechnungen inklusive aller Nebenarbeiten und geben diese mit der Bitte um Unterstützung an den Personalrat weiter. Auch an den Petitionsausschuß des Thüringer Landtages haben die Lehrbeauftragten geschrieben. Als Antwort kam aber nur eine lapidare Stellungnahme der Landesregierung, die auf das Hochschulrahmengesetz verwies.

Das Problem des akademischen Prekariats ist anscheinend gewollt. Denn gerade Geisteswissenschaftler sind eine lukrative Geldquelle. Als Studierende sorgen sie für Einnahmen bei den Unis, die nach Studentenzahl bezuschußt werden. Gleichzeitig kosten sie die Hochschulen mit etwa 10000 Euro pro Jahr die Hälfte weniger, als ein Naturwissenschaftler weil teure Versuchspraktika entfallen. Ein Anglist braucht keine Labore, sondern nur die Bibliothek. Nach dem Studium sind Geisteswissenschaftler für die Universitäten dann ein billiges Arbeitskräftereservoir.

Quelle: Junge Welt 01.12.2009 

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