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Ausstellungseröffnung, Film und Gespräch | 28.02. | 11 Uhr | Schauspielhaus Foyer

21. Februar 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kultur

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Ausstellungseröffnung, Film und Gespräch 

(Wolf Böwig, Pedro Rosa Mendes): 

28.02.  |  11 Uhr  |  Schauspielhaus Foyer



 Seine Bilder, schreibt der Kritiker Fred Ritchin, strahlten eine liebenswürdige Sensibilität aus, „eine Wahrnehmung für das Leiden, eine stille Würde, gleichsam als würde er versuchen, einer sinnlosen Welt wieder eine positivere Ordnung zu vermitteln“. 
reporting violence: 

von der Notwendigkeit, über Gewalt zu berichten

 

 

Ab 15. Februar sind an der Außenfassade des Schauspielhauses Bilder des Kriegsreporters Wolf Böwig zu sehen. Gezeigt wird die komplette Fotoserie »Kurosafrica«, die das Elend der vom Bürgerkrieg verwüsteten Länder Afrikas dokumentiert. Die Eröffnung im Rahmen der Reihe »Weltausstellung Prinzenstraße« flankiert ein Gespräch zwischen dem portugiesischen Autor Pedro Rosa Mendes und Wolf Böwig. Ein Porträt des in Hannover lebenden, vielfach ausgezeichneten Fotografen 



 von Kristina Tieke



(Zitat)

Er verweigert sich dem Sensationsjournalismus und ignoriert die "Droge Blut", mit dem die Massenmedien handeln.





Die Hommage gilt dem legendären David „Chim“ Seymour, Kriegsfotograf und Gründungsmitglied der Fotoagentur Magnum – und doch trifft sie präzise jene Eigenschaften, die für die Arbeiten des hannoverschen Dokumentarfotografen Wolf Böwig gelten. Böwig selbst versteht sich in der Tradition der Magnum-Pioniere. Nicht aus professionellem Kalkül, sondern aus biografischer Notwendigkeit. Die Ausstellung „Zeitblende – Fünf Jahrzehnte Magnum-Photographie“ war Ende der achtziger Jahre Initialzündung für seine kompromisslose Berufswahl, für ein Leben im Ausnahmezustand. Seine Fotogalerie am Ballhof, in der er Mitte der neunziger Jahre die eigenen Arbeiten zeigte, nannte er Chim.



Seit er 1991 ins ehemalige Jugoslawien reiste und seine erste Reportage an die taz verkaufte, ist Böwig auf den Einsatz in Krisengebieten abonniert. Er berichtet für die Neue Zürcher Zeitung, die New York Times und Lettre international. Für seine Fotoserie „Kurosafrica“, die das Elend der vom Bürgerkrieg verwüsteten Länder Afrikas dokumentiert, erhielt er den mit 15.000 Dollar dotierten Preis der internationalen Organisation Aftermath Project. 


Die Auszeichnung honoriert ein Engagement, das sich dem Sensationsjournalismus verweigert und die "Droge Blut" (O-Ton Böwig) ignoriert, mit dem die Massenmedien handeln. Von ihm sind keine Aufnahmen zu erwarten, die auf Schockwirkung zielen. Keine Bilder vom Tod im Augenblick seines Eintritts, keine verstümmelten Torsi. Sein Interesse gilt den Lebenden, dem Schicksal der Opfer und ihrem zähen Kampf ums Dasein. Auch dann noch, wenn sich das
Interesse der Medien längst auf die nächste Katastrophe gerichtet hat. 



Böwig hat Flüchtingscamps in Liberia besucht, drogenabhängige Kriegsveteranen in Sierra Leone, Opfer und Täter von Massakern an der Elfenbeinküste. Immer wieder kehrt er zurück, um ihre Geschichten weiter zu erzählen. Die Not der Ohnmächtigen bleibt dadurch nicht anonym. Sie erhält ein Gesicht
und manchmal auch einen Namen, der in den Bildlegenden auftaucht. 


Morie ist einer von ihnen. Der Junge war fünf Jahre alt, als Rebellen sein Dorf Bendu Malen in Sierra Leone auslöschten – 1.200 Einwohner, nur der Junge blieb am Leben. Als die Gebeine im Jahr 2003 ausgehoben und in Massengräbern beigesetzt wurden, war Morie erneut Zeuge und mit ihm der Fotograf Wolf
Böwig. Sein Bild zeigt Morie vor den Totenschädeln mit erhobenen Armen. Der Junge ist nur ein Schatten. Wie er mit dem Trauma lebt, bleibt rätselhaft. Auch 2007, als Böwig ihn zuletzt besuchte, sprach er kaum ein Wort. Statt dessen sind Mories Porträts sprechende Dokumente – wie jenes, auf dem er mit gefalteten Händen den schüchternen Blick in die Kamera richtet.


Es braucht
Geduld, um Bilder wie diese zu machen. Genügend Zeit, um sich auf die Menschen und die Umstände ihrer Tragödie einzulassen. Schon deshalb setzt Böwig noch immer auf die analoge Fototechnik der Canon F1 und verzichtet auf eine Version mit Motor, die den Aufnahmevorgang beschleunigen würde. Oder er nutzt die Panoramakamera „Horizon“, ein altes russisches Modell. Das Risiko, die Distanz aufzugeben und persönlichen Anteil am Schicksal der Opfer zu nehmen, ist groß. Die Belastung ist extrem. Für einige Zeit war Böwig mit dem portugiesischen Journalisten Pedro Rosa Mendes in Afrika unterwegs, wohl auch, weil sich zu zweit die Zumutungen besser ertragen ließen. Rosa Mendes’ Essay „Reporting Violence“, dem Böwigs Ausstellung im Schauspiel Hannover ihren Titel verdankt, reflektiert die gemeinsame Arbeit als Kriegsreporter und ist zugleich Skizze der eigenen gefährdeten Existenz. 



Trotz der augenfälligen Empathie, mit denen Böwig den Opfern von Grausamkeit und Kriegsverbrechen begegnet, unterwirft er seine Aufnahmen einer strengen ästhetischen Komposition. Dabei muss der Verdacht, ein komponiertes Foto entziehe dem Bildgegenstand die Aufmerksamkeit und lenke sie auf das Medium selbst, nicht gegen die Arbeit sprechen. Im Gegenteil: Es ist von zentraler Bedeutung, dass das reine Mitgefühl beim Betrachten
aufwühlender Fotos abgelöst wird von kühleren Überlegungen. Etwa darüber, was es bedeutet, dieses Bildmaterial anzuschauen und welche Motivation uns dazu treibt. Oder darüber, was wir mit dem Wissen tatsächlich anfangen, das die Bilder vermitteln. 


Die amerikanische Kunstkritikerin Susan Sontag zeichnet in ihrem Essay „Das Leiden anderer betrachten“ die Geschichte
der Kriegsfotografie nach. Und sie konstatiert: „In die Erschütterung beim Betrachten der Nahaufnahmen eines wirklichen Schreckens mischt sich Beschämung. Vielleicht haben nur jene Menschen das Recht, Bilder eines so extremen Leidens zu betrachten, die für seine Linderung etwas tun könnten." Wolf Böwigs Arbeiten scheinen eben darauf zu zielen “ uns von Voyeuren zu Verantwortlichen zu machen, die für die Linderung der Leiden etwas tun könnten. Etwa, indem seine Bilder nicht nur die Katastrophen Afrikas vor Augen führen, sondern auch deren Ursachen andeuten: den Kampf um Ressourcen, wirtschaftliche Interessen. Sie signalisieren, dass das Elend nicht schicksalhaft ist, sondern mit politischen Eingriffen zu verändern wäre. Ihr moralischer Imperativ ist eine Herausforderung. 

 

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