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Bewährte Verfahren

17. April 2011 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Antimilitarismus

 Freitag | 17.04.2011 14:00 | Roland Lory

Bewährte Verfahren

Vor fünf Jahren wurde vorgeschlagen, die Sanitätsakademie in München nach dem Widerstandskämpfer Hans Scholl zu benennen. Die Geschichte eines gedenkpolitischen Versagens

Die Bundeswehr tut sich nicht nur äußerst schwer, die Namen von Nazi-Generälen aus ihren Kasernennamen zu tilgen. Sie legt auch keinen großen Eifer an den Tag, was die Bezeichnung von Militär-Einrichtungen nach Widerstandskämpfern betrifft. Diese Erfahrung mussten jetzt der Lehrer und Publizist Jakob Knab sowie der Militärhistoriker Detlef Bald machen. Ihr Vorschlag, die Sanitätsakademie der Bundeswehr (kleines Foto) in München nach dem Weiße-Rose-Mitglied Hans Scholl zu benennen, trug bislang keine Früchte.

Es ist eine Geschichte des Hinhaltens und des Ausweichens – und begonnen hat sie bereits vor fünf Jahren. Knab und Bald hatten ihre Idee 2006 zunächst dem Inspekteur des Sanitätsdienstes unterbreitet. Diesen baten sie, das Anliegen an den Verteidigungsminister weiterzugeben. Der hieß damals Franz Josef Jung und kam von der CDU. Die Traditionspflege der Bundeswehr würde aus Knabs und Balds Sicht mit der Neubenennung „einen Beitrag dazu leisten, die Sanitätsfeldwebel Hans Scholl, Alexander Schmorell, Willi Graf und Christoph Probst aus einem romantisch verklärten Bereich in die nüchterne Welt des militärischen Widerstands im vierten Kriegsjahr zurückzuholen“. Und weiter: „Wenn Widerstand eine Leitlinie für das Traditionsverständnis der Bundeswehr darstellt, dann ist der Militarismus, der die deutsche Geschichte geprägt hatte, endgültig überwunden.“

„Gefühl der Bevormundung“

Jahrelang passierte nicht viel. Vom Januar 2010 datiert dann ein Schreiben des damaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg an den stellvertretenden CSU-Fraktionsvorsitzenden im bayerischen Landtag, Karl Freller: „Hans Scholl ist ohne Zweifel eine für die Bundeswehr traditionswürdige Persönlichkeit und grundsätzlich als Namensgeber einer Kaserne oder Einrichtung geeignet“, ließ Guttenberg verlauten. Gleichwohl setze die Bundeswehr bei der Namensgebung von Truppenteilen und Dienststellen auf das „bewährte Verfahren“ der Vorschläge „von unten“. Eine Umbenennung von außen oder von oben „könnte hingegen das Gefühl der Bevormundung vermitteln“. Guttenberg empfahl, zunächst die Truppe und in einem zweiten Schritt die kommunalen Münchner Gremien sowie mögliche Nachfahren der Familie Scholl zu gewinnen.

Diese Marschroute ist nicht neu: Die Bundeswehrführung habe ihren Widerwillen und ihre Unlust gegen Umbenennungen stets hinter einem „bewährten Verfahren“ versteckt, „bei dem die Verantwortung nach unten delegiert wird“, beklagte Ralph Giordano in seinem Buch über Die Traditionslüge. Dabei gilt nach wie vor ein Erlass von 1982: „Kasernen und andere Einrichtungen der Bundeswehr können mit Zustimmung des Bundesministers der Verteidigung nach Persönlichkeiten benannt werden, die sich durch ihr gesamtes Wirken oder eine herausragende Tat um Freiheit und Recht verdient gemacht haben.“ Das bedeutet, dass nicht unbedingt kommunale Gremien gefragt werden müssen. Und so wurde es auch schon gehandhabt: Die nach den Nazi-Generälen Ludwig Kübler und Eduard Dietl benannten Kasernen zum Beispiel wurden in den neunziger Jahren „von oben“ umgetauft. Allerdings war dazu hartnäckiger Druck von außen nötig, vor allem von Jakob Knab und Gleichgesinnten.

Knab und Bald wandten sich wie empfohlen an den Münchner Stadtrat, stießen aber dort auf taube Ohren. Dass das rot-grün dominierte Gremium vor gut einem Jahr die Anregung ablehnte, wurde sogar erst jetzt bekannt. Der Vorschlag solle aus städtischer Sicht nicht weiterverfolgt werden, beschlossen die Räte hinter verschlossenen Türen.

"Nicht öffentlich behandelt"

Also keine „Sanitätsfeldwebel-Scholl-Akademie“? Münchens SPD-Oberbürgermeister Christian Ude mauert, was den Beschluss anbelangt. Er bittet über einen Sprecher „um Verständnis dafür, dass Fragen im Zusammenhang mit Ehrungen nicht öffentlich behandelt werden müssen und nähere Auskünfte dazu nicht möglich sind“. Der Grüne Siegfried Benker merkt an, dass er „es zumindest verwunderlich finde, wenn sich die Bundeswehr in die Tradition der Weißen Rose stellen will“. Generell sei es so, dass die Gruppe „für München und den Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine herausragende Bedeutung hatte“. Gleichzeitig „gibt es in München schon eine große Zahl an Erinnerungsorten“ mit Bezug auf die Weiße Rose und ihre Mitglieder. Benker schätzt deren Zahl auf rund 30. Daher mache sich „in der Gesamtdebatte eher eine Zurückhaltung bei weiteren Ehrungen“ breit.

Die CSU-Fraktion verschanzt sich – wenig überraschend – hinter der „bewährten Methode“ der Vorschläge „von unten“ durch die Truppe vor Ort. „Hinzu kommt, dass Ausbildungseinrichtungen der Bundeswehr, so auch die Sanitätsakademie, grundsätzlich nur nach ihrer Funktion und nicht nach Personen benannt werden“, heißt es bei den Christsozialen.

Die Streitkräfte selbst wissen angeblich von gar nichts. „Offiziell liegen weder ein Ersuchen noch Vorschläge auf Namensänderungen bei der Sanitätsakademie vor“, sagt ein Sprecher des Bundeswehr-Sanitätsdienstes. Und die Münchner Weiße-Rose-Stiftung wollte sich zum Nein der Stadträte nicht äußern.

Kriegshelden statt Weiße Rose

Welche Mandatsträger die Umbenennung letztlich ablehnten, darüber kann nur spekuliert werden. Fest steht: Es können nicht nur die CSU-Vertreter gewesen sein. Auch der eine oder andere Stadtrat von der SPD oder den Grünen muss – aus welchen Gründen auch immer – mit Nein gestimmt haben.

Das passt ins Bild: Denn auch die rot-grüne Bundesregierung brachte in Sachen Kasernen-Umbenennungen nicht viel zuwege. Zwar tönte der damalige sozialdemokratische Kulturstaatsminister Michael Naumann 1999, dass die nach Nazi-Generälen benannten Kasernen umgetauft würden. „Das ändern wir jetzt. Das schwör’ ich Ihnen. In zwei Jahren finden Sie keine mehr.“ Doch die Bilanz fiel unterm Strich mager aus.

Zwar gibt es heute mehrere Militär-Liegenschaften, die nach Widerständlern benannt sind. „Die Weiße Rose kommt in der Traditionspflege der Bundeswehr jedoch nicht vor“, sagt Jakob Knab. „Kriegshelden“ dafür umso mehr.

Zahlreiche Truppenunterkünfte tragen noch heute anrüchige Namen, etwa die der preußischen Generalfeldmarschälle und Judenhasser August von Mackensen (Hildesheim) und Alfred Graf Waldersee (Hohenlockstedt). Die Bad Reichenhaller Kaserne ist nach wie vor nach dem Gebirgsjäger-General Rudolf Konrad benannt. Dieser ließ im Zweiten Weltkrieg „ganze Ortschaften in Grund und Boden bombardieren“, sagt Knab. Konrad war Hitler treu ergeben: „Dem Führer und seinem Werk gehört unsere ganze Hingabe.“

Im letzten Weißbuch der Bundeswehr hieß es: „Im Mittelpunkt der Traditionspflege für die Bundeswehr stehen die preußischen Heeresreformen, der militärische Widerstand gegen das NS-Regime sowie die eigene Geschichte der Bundeswehr selbst.“ Jakob Knab hält dieses Geschichtsbild für geglättet. Braune Flecken auf der Traditionsfassade würden übertüncht.

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