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Das Netzwerk der Höllenengel

20. Mai 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Hells Angels & Neonazis

Nirgendwo in Deutschland sind die Hells Angels so mächtig wie in Hannover. Doch für die Ermittler sind sie kaum zu packen - zu gut sind ihre Kontakte.

Als Schleswig-Holsteins Innenminister Klaus Schlie kürzlich das "Charter" – quasi den "Ortsverband" – der Hells Angels in Flensburg verbot, tat er das mit folgernder Begründung: Der vermeintliche "Motorradclub" wolle in der Region kriminelle Macht entfalten und mit Gewalt durchsetzen. Ein viel einflussreicheres "Charter" treibt dagegen weiter sein Unwesen. Es ist der bundesweit mächtigste Ableger der Hells Angels: das "Charter" in Hannover, angeführt von Frank Hanebuth. Gegen diese Organisation scheinen Polizei und Justiz  weitgehend machtlos zu sein. Sind die "Höllenengel" in der niedersächsischen Landeshauptstadt also weniger kriminell als ihre "Brüder" in Flensburg – oder gehen sie lediglich gerissener vor?

Erhellend ist der Blick in interne Polizeidokumente, die der TageszeitungWeser-Kurier zugespielt wurden. Darin legte die Polizei bereits vor zehn Jahren dar: In der nächtlichen Glitzerwelt von Hannovers Party- und Rotlichtquartier Steintor führen Hanebuth und sein "Club" nicht nur ein strenges Regiment, dem sich Prostituierte und Bordellbetreiber unterzuordnen haben. Im Hintergrund entstand mit den Jahren auch ein weit verzweigtes Netzwerk aus Kontakten – unter anderem zu renommierten Rechtsanwälten und einflussreichen Unternehmern. Ein Netzwerk, in dem der Hannoveraner Rechtsanwalt Götz von Fromberg und der Garbsener Sicherheitsunternehmer Wolfgang Peter Schlüsselrollen spielen sollen.

Namens seines langjährigen Mandanten Hanebuth beschwerte sich der renommierte Strafverteidiger von Fromberg am 24. Februar 1999 bei Hannovers Polizeipräsident Hans-Dieter Klosa und Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg. Von Fromberg hatte einiges an arbeitsrechtlichen Vorschriften für ausländische Frauen auszusetzen. Müssten sich "deutsche Bordellbetreiber" wie Hanebuth daran halten, könnten sie ihre Etablissements gleich ganz zumachen. "Es bedarf keiner großen Phantasie, um herauszufinden, wer dann in das hannoversche Steintor-Milieu einzieht", prophezeite der Anwalt. Er meinte damit keineswegs Hanebuths Rocker, sondern offenbar gefährliche ausländische Banden.

Heute kann sich von Fromberg an dieses Schreiben nicht mehr erinnern. "1999 ist lange her", schreibt er auf Anfrage des Weser-Kurier. Sehr wohl erinnern kann er sich jedoch heute noch, wie er im selben Jahr vor dem Präventivrat der Stadt Hannover einen Vortrag hielt. Darüber, "wie man das Steintor befrieden und modernisieren kann". Dieser Vortrag sollte dann "verschiedenen Behörden" bei ihrer "internen Beurteilung" helfen.

In seinem in Vergessenheit geratenen Schreiben erwähnte von Fromberg diesen Vortrag ebenfalls. Doch nicht nur der "Befriedung" des Steintors galt damals die Sorge des Rechtsanwalts, sondern auch der Allgemeinheit. Nach Schließung der Bordelle "deutscher" Betreiber fielen die Frauen "der Sozialhilfe zur Last" und würden "in Wohnungen der Prostitution nachgehen", schrieb von Fromberg, damit wachse nicht zuletzt die "Gesundheitsgefahr für die Freier".

Was Polizeibeamte von diesen Einlassungen hielten, zeigt ein interner Bericht vom 18. Januar 2000. Von Fromberg arbeite "nicht etwa im wohl verstandenen Interesse der Prostituierten", sondern einzig für den "Vermögensvorteil deutscher Bordellbetreiber", schrieben Ermittler der Abteilung Organisierte Kriminalität.

Die Kripoexperten arbeiteten seit 1997 verdeckt in Garbsen und gingen dem Verdacht auf Menschenhandel und andere Milieutaten gegen Hanebuths Rockertruppe nach. Ein schwieriges Unterfangen: Die Polizisten mussten ein unübersichtliches Geflecht aus Bordellen, Firmen und Immobilien analysieren, in dem zahlreiche Strohleute und vertragliche Regelungen die wahren Besitzverhältnisse und Geldströme undurchsichtig machten. Viele Verträge in diesem Netz hatte Götz von Frombergs Kanzlei aufgesetzt.

Formal trat Hanebuth darin nicht als Bordellbetreiber auf. Via Telefonüberwachung wiesen die Garbsener Ermittler dem Rockerboss akribisch nach, in welchen Bordellen er dennoch das Sagen hatte.

Die Beamten fanden heraus, dass in den Bordellen am Steintor ausländische Frauen gefälschte Pässe hatten oder bereits im Alter von 17 Jahren mit der Prostitution begannen. Die Frauen müssten ihre überhöhten Zimmermieten auch zahlen, wenn sie nicht arbeiten, einige von ihnen seien daher hoch verschuldet.

Nach den Polizeiunterlagen verdiente Hanebuth nicht nur an den Zimmermieten: An den Bordelleingängen im Steintor standen schon damals Männer seiner Sicherheitsfirma. Die GAB-Security-GmbH betreibt Hanebuth seit 1993 zusammen mit "Clubbruder" und Bordellbetreiber Wolfgang Heer. Die Firma tritt öffentlich als "Bodyguard Security" auf, unter ihren Mitarbeitern sind zahlreiche Rocker, sie bewachen heute fast alle Kneipen, Diskotheken, Bars und Bordelle im Steintor.

Ein V-Mann berichtete der Polizei im Oktober 2001: Gernot S.*, ein Hells Angel aus Hanebuths "Charter", habe ihm erklärt, wie der "Motorradclub", Hanebuths Sicherheitsfirma und seine Bordelle "kooperieren". Der Club leihe den laut Gernot S. meist "hirnlosen" Rockern 30.000 bis 40.000 D-Mark für ihr Harley-Davidson-Motorrad. Diesen Kredit würden die Männer dann abarbeiten. Die meisten als Türsteher, andere als Bordellwirtschafter. Selbstverständlich würden bei diesem Deal kräftig Zinsen fällig, auch unter "Clubbrüdern" habe schließlich niemand "etwas zu verschenken". Allein auf diese Weise lande allmonatlich viel Geld in Hanebuths Kasse, zitierte der Spitzel den Rocker.

Noch mehr Geld fließe über die IMV Immobilien-Verwaltungs- und Beteiligungsgesellschaft mbH in die Tasche des Rockeranführers, ermittelte die Polizei. Die Firma gehörte offiziell Hanebuths Mutter und vermietete laut Polizeibericht Bordellbetreibern im Steintor eigene Häuser – oder aber sie "verwaltete" die Gebäude gegen ein beachtliches Entgelt für deren Eigentümer.

Mit ihrem Bericht vom 18. Januar 2000 wähnte sich die Garbsener Polizei am Ziel: Sie hielt Frank Hanebuth der Ausbeutung von Prostituierten, der Zuhälterei, des Menschenhandels und des Wuchers für "dringend verdächtig". Und die Beamten wollten damals auch ausreichend Material für ein weiteres brisantes Ermittlungsverfahren beisammen haben: eines gegen Götz von Fromberg wegen Geldwäsche.

Der Hannoveraner Staatsanwalt Uwe Görlich machte den Polizisten einen Strich durch die Rechnung, ihm erschienen die polizeilichen Finanzermittlungen zu dünn. Görlich nannte die Zusammenarbeit mit der Polizei später "wenig erfreulich", es sei zu "heftigen Auseinandersetzungen" gekommen. Polizisten bezichtigten den Staatsanwalt ihrerseits, kaum mit ihnen zusammengearbeitet zu haben, er habe nicht einmal ihre Akten gelesen.

Laut Staatsanwaltschaft "relativ erfolglos" stellte die Garbsener Polizei ihre Ermittlungen am 29. März 2000 ein. Nur Monate später, im November 2000, geriet Staatsanwalt Görlich selbst ins Visier der Strafverfolgungsbehörden, weil er von Mai 2000 an allzu intensive Kontakte zu einer Hannoveraner Bordellbetreiberin gepflegt hatte (wir berichteten). Angeblich, um mit ihrer Hilfe Hanebuth oder seinen Vertrauten doch noch Geldwäsche nachzuweisen, weil der Polizei das schließlich nicht gelungen sei. "Hanebuth und sein unmittelbares Umfeld" seien "klassische Zielpersonen von OK-Ermittlungen", gab der Staatsanwalt zu Protokoll. Er sei "überzeugt, dass im Täterkreis Hanebuth" Delikte begangen worden seien, "die umfangreiche Geldwäscheverfahren zur Folge hätten haben müssen". Doch letztlich ermittelte auch Görlich weitgehend erfolglos.

Wenige Wochen nach Ende der polizeilichen Ermittlungen verfasste von Fromberg erneut empörte Zeilen. Am 31. Mai 2000 beschwerte er sich bei der Staatsanwaltschaft. "Infam persönlich angegriffen" und "einzigartig diffamiert" fühle er sich von "unfähigen" OK-Ermittlern. Mit dem Behördenleiter, Hannovers leitendem Oberstaatsanwalt Manfred Wendt, wollte von Fromberg besprochen haben, dass dessen Behörde solche Ermittlungen fortan straffer zu führen habe. Polizisten sollten nicht mehr "tun und lassen können, was sie wollen".

Die Arbeit der Beamten nannte von Fromberg "völlig einseitig", gespickt mit "Sachverhaltsverfälschungen, bewussten Verdrehungen, Stimmungsmache und sonstigen Methoden, die eines deutschen Polizeibeamten nicht würdig" seien. Am Ende hätten die Kriminalisten ein "hasserfülltes Bild" gezeichnet, das nur "in ihrer Phantasie" existiere, schimpfte der Rechtsanwalt.

Auch an dieses Schreiben, das dem Weser-Kurier vorliegt, kann sich von Fromberg heute nicht mehr erinnern: "Das trifft nicht zu", teilt der Anwalt auf Anfrage mit. Im Jahr 2000 habe er die Polizei vielmehr "in einem völlig anderen Zusammenhang" kritisiert, die Ermittler hätten ihren Fehler eingesehen und sich bei ihm "persönlich entschuldigt".

Nach Ende der Garbsener Ermittlungen im März 2000 übernahm die Fachinspektion Organisierte Kriminalität der Polizeidirektion Hannover die Arbeit gegen Rockerkriminalität. Sie heuerte im September 2000 Bernd Kirchner als V-Mann an (wir berichteten). Kirchner agiere "nicht auf der Ebene einzelner Mitglieder" der Hells Angels, schrieb ein Polizeibeamter, sondern in Hanebuths "direktem Umfeld". Dazu zählten nicht nur "weitere Bordellbetreiber", sondern auch "Rechtsanwälte und Notare aus Hannover und Umgebung", "Geschäftsleute", "Personen aus der Industrie" sowie "die Betreiber des Sicherheitsunternehmens Pegasus".

An den Betreibern der Pegasus Security GmbH in Garbsen zeigten die Polizisten schon damals besonderes Interesse, namentlich am damaligen Gesellschafter des Unternehmens. In Wolfgang Peter vermuteten sie einen ganz besonderen Vertrauten des Rockeranführers, nicht nur Kirchner nannte den Unternehmer "Hanebuths Gehirn": Peter ziehe die Strippen, er entwickle die "Geschäftsideen", er verwalte das Geld.

Wolfgang Peter nennt das "absoluten Unsinn". Hanebuth sei "intelligent genug", eigene Geschäftsideen zu ersinnen, lässt Peter den Weser-Kurierwissen. Er kenne Hanebuth seit 30 Jahren, bereits im Alter von 15 Jahren habe sich dieser um Peters Pferde gekümmert. Bis heute sei sein Kontakt zu dem Rockeranführer rein privat, man treffe sich ein bis zwei Mal im Jahr. Seine Sicherheitsfirma habe mit Hanebuth niemals Geschäfte gemacht, er selbst zu keinem Zeitpunkt "Firmen, Immobilien oder sonst irgendetwas für Herrn Hanebuth verwaltet oder sonstwie betreut".

Dass er im Jahr 2000 Eigentümer der Immobilie Scholvinstraße 7 im Steintor war, räumt Peter allerdings ein. In dem Gebäude residierte schon damals das Bordell "Bangkok", dessen Betreiber Hanebuth nahestand. Peter will das Gebäude in der 1980er Jahren als "reines Renditeobjekt" erworben und heute längst wieder veräußert haben. Solange es ihm gehörte, habe er es alleine verwaltet.

Im Polizeibericht ist anderes nachzulesen: Von den 63.000 D-Mark, die der Betreiber des "Bangkok" allmonatlich erwirtschafte, zahle er 17.000 D-Mark an die IMV, ermittelte die Polizei, und von dem Geld gebe die Firma dann 14.000 D-Mark an Peter weiter. Dazu würde passen, dass Peter in jenen Tagen gefürchtet haben soll, ausländische Zuhälter wollten Hanebuth "entmachten". Das berichtete V-Mann Kirchner der Polizei. Um die "Probleme" im Milieu "zu erörtern", arrangiere der Unternehmer ein einwöchiges Treffen in einem Luxushotel auf Gran Canaria, gab Kirchner zu Protokoll, nur weit weg von Hannover wähne sich Peter "vor der Polizei sicher".

Der V-Mann flog im März 2001 mit nach Spanien – und will auf dieser Reise nicht nur Hells Angels und Bordellbetreiber getroffen haben, sondern auch einflussreiche Geschäftsleute, Rechtsanwälte und Notare. Im selben Ambiente und in ähnlicher Besetzung sei man im November 2002 erneut auf der kanarischen Insel zusammengekommen, meldete der Spitzel weiter.

Aber auch im heimischen Hannover treffe sich eine ähnlich illustre Runde. Jeden Montag säßen im Konferenzraum einer Bank im nahen Langenhagen Rocker, Unternehmer und Rechtsanwälte an einem Tisch – unter ihnen ein einflussreicher niedersächsischer Bauunternehmer, ein vermögender ehemaliger Müllentsorger sowie der Inhaber einer renommierten Autorepräsentanz, berichtete der V-Mann. Sie alle sollen dort gemeinsame Geschäfte eingefädelt haben.

Wolfgang Peter will weder von Reisen nach Gran Canaria noch von montäglichen Treffen etwas wissen. Auch glaubt er sofort, die Quelle dieses "eindeutigen Quatschs" zu kennen. "Die Polizei kann so viel ermitteln, wie sie will", schreibt Peter, weil "es nichts zu ermitteln" gebe. Es sei lediglich schade "um die so vergeudeten Steuergelder".

Nach eigenen Angaben arbeitet Wolfgang Peter als Zahnarzt, zugleich fungiert er als Geschäftsführer der Pegasus Management GmbH. Die Firma übernahm 2006 die Geschäfte der insolventen Pegasus Security und residiert an der Bremer Straße 15 in Garbsen. Den ehemaligen Sitz der Pegasus Security gleich nebenan verpachtete Peter an Hanebuths IMV. Die hatte dort vorübergehend ihren Firmensitz, heute residiert in dem Gebäude die "Original 81 Vertriebsgesellschaft mbH". Sie bietet "Unterstützerware" für die Hells Angels an, Geschäftsführer Matthias L.* ist ebenfalls ein "Höllenengel" aus Hanebuths "Charter".

Peter beteuert, der Mietvertrag mit der IMV sei die einzige Geschäftsverbindung, die er zu Hanebuth unterhalte. Genau genommen gehöre die Firma nicht einmal dem Rockeranführer, sondern dessen Mutter. Außer Hanebuth will Peter "nicht viele" Rocker kennen, diese wenigen zudem nur "flüchtig".

Das niedersächsische Landeskriminalamt sei die Ursache jeden Verdachts gegen ihn, gibt Peter der Presse zu verstehen. Das ermittle "dilettantisch und einzig und allein zum Zwecke der Profilierung einzelner Mitarbeiter" gegen ihn und habe daher einen "falschen Fundus" an Informationen. Polizeibeamte erinnern solche Äußerungen an jenen "Verfolgungswahn" des Unternehmers, von dem der V-Mann Kirchner den Ermittlern bereits im August 2001 berichtet hatte.

Ein Hannoveraner Kriminalist hielt im November 2000 fest, den Rockern gehe es bei all ihren Aktivitäten nicht allein ums Geschäft, sie wollten vor allem "gesellschaftsfähig" werden. Zum Teil sei ihnen das bereits gelungen, meinte der Beamte. In Hannover sei es bereits "schick, sich mit Personen aus dem Milieu zu umgeben".

Das Beziehungsgeflecht um Frank Hanebuth verglich der Ermittler mit einem "Spinnennetz", das "offensichtlich in alle Gesellschaftsschichten" reiche. Die Kriminalisten müssten dieses Netz dringend durchleuchten, um "noch illegale" von "schon legalen" Geschäftsbereichen zu unterscheiden. Wenn das vor annähernd zehn Jahren bereits nicht gelang, kann heute nicht überraschen, dass Hannovers Hells Angels für Polizei und Justiz kaum noch zu packen sind.

VON Christine Kröger

QUELLE ZEIT ONLINE, Weser-Kurier

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