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Der jüdische Friedhof in Tangermünde (Altmark/Sachsen-Anhalt)

24. August 2012 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Historisches

Von Heide Kramer, August 2012

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Jüdischer Friedhof Tangermünde (Ausschnitt). Grabstätten nahe Eingangstor Magdeburger Straße mit Friedhofsmauer. Bleistiftzeichnung von ©Heide Kramer, 1. August 2012

 

Historischer Abriss:

Der Friedhof existiert seit ca. 1721 (oder auch erst 1744) und wurde 1796, 1851, zuletzt 1907 erweitert. Er diente den jüdischen Familien in Tangermünde bis 1936 ununterbrochen als Begräbnisstätte. Das begrünte Gelände liegt außerhalb des Stadtkerns an der Magdeburger Straße 49 nahe eines Wohngebietes. Es umfasst 600 qm und ist von einer 1,90 m hohen, gut erhaltenen Backsteinmauer umgeben.

Die Stadt Tangermünde registrierte 1910 und 1913 fünf ansässige jüdische Familien (21 jüdische Einwohner, davon fünf Zensiten) als Gemeinde und seit 1933   35 jüdische Einwohner (davon 11 Zensiten) offiziell als Synagogengemeinde (einschließlich Friedhof).

Die letzte Beisetzung fand Ende Januar 1941 statt. Es blieben ca. 70 Grabsteine erhalten, darunter auch Steine aus dem 18. und 19. Jahrhundert mit hebräischen Schriftzeichen.

Die Familien Bernhard und Jacob

1814 erwarb Joel Bernhard aus Schwerin in Tangermünde das Bürgerrecht. Er eröffnete 1824 ein Kaufhaus in der Langen Straße 52/53 und wurde damit zum Gründer des ältesten Tangermünder Kaufhauses. Die Gräber von Joel Bernhard und seiner aus Havelberg stammenden Ehefrau Henriette, geb. Pintus blieben erhalten. Ihre vier Kinder wurden in Tangermünde geboren.

 

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Jüdischer Friedhof in Tangermünde. Grabstätten Joel und Henriette Bernhard.Bleistiftzeichnung von ©Heide Kramer, 1. Aug. 2012

 

Inschrift für Joel Bernhard (2. Reihe oben, links):

 

"Hier ruht Herr Joel Bernhard:

geb. 22. Nov. 1798

gest. 31. Dezember 1877

Friede seiner Seele".

 

Inschrift für Henriette Bernhard (2. Reihe oben, mittig):

 

"Hier ruht Frau Henriette Bernhard, geb. Pintus

geb. 8. Oktober 1802

gest. 27. Januar 1876

Friede ihrer Seele“. 

 

 

Mathilde Jacob

kam am 8. März 1873 in Berlin als erstes von acht Kindern zur Welt. Sie war von 1913 bis 1919 Privatsekretärin, Vertraute und Freundin von Rosa Luxemburg. Mathilde Jacob lebte bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt am 27. Juli 1941 in Berlin/Moabit und leitete ein Übersetzungsbüro. Am 14. April 1943 ist sie in Theresienstadt ermordet worden.

Mathilde Jacob war zwar keine gebürtige Tangermünderin, aber es gibt Spuren nach Tangermünde: Ihre Mutter Emilie Jacob, geb. Bernhard wurde 1849 in Tangermünde geboren und starb 1933 in Berlin. Der 1839 in Nordhausen geborene Vater Julius Jacob verzog mit seiner Familie um 1870/71 von Tangermünde nach Berlin, wo er 1907 verstarb. Die Großeltern mütterlicherseits stammten ebenfalls aus Tangermünde. Außerdem dokumentieren die noch auf dem jüdischen Friedhof Tangermünde existierenden Gräber der Familie Jacob verwandtschaftliche Verbindungen zur Tangermünder Kaufmannsfamilie Bernhard.

Die Familien Ury und Beschütz

Die am 1. November 1877 in Berlin eines jüdischen Tabakhändlers geborene Else Ury entstammte einer alten jüdischen Tangermünder Familie, die schon seit 1737 zur kleinen jüdischen Tangermünder Gemeinde gehörte. Auf dem jüdischen Friedhof Tangermünde gibt es noch einen Grabstein mit dem Namen Ury. Er verweist auf die am 6. Dezember 1771 in Tangermünde geborene und am 12. Februar 1850 gestorbene Treudel (oder Trendel) Beschütz, geb. Ury. Unmittelbar daneben befindet sich das Grab ihres am 28. April 1776 in Berlin geborenen und am 17. April 1854 gestorbenen Ehemannes Joel Moses Beschütz. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, von denen zwei nach Berlin verzogen.

 

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Grabstein von Treudel (oder Trendel) Beschütz, geb. Ury (Frontalseite mit deutscher Inschrift).  Foto: Heide Kramer, 1. August 2012

 

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Grabstein von Treudel (oder Trendel) Beschütz, geb. Ury (Rückseite mit hebräischer Inschrift).  Foto: Heide Kramer, 1. August 2012

Else Ury

die bereits seit drei Generationen in Berlin lebte, war die Autorin der berühmten „Nesthäkchen“-Mädchenbücher. Trotz ihrer Popularität vorwiegend in den 1920-er Jahren blieb Else Ury ab 1933 in jedem Literaturlexikon unerwähnt. Die Faschisten schlossen sie als Jüdin aus der Reichsschrifttumskammer aus, ihre Bücher verschwanden aus den (Schüler)bibliotheken. Am 12. Januar 1943 wurde Else Ury von Berlin nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Die 1943 geborene Schriftstellerin Marianne Brentzel hat 1992 ihre eingehenden Recherchen zum Schicksal der Else Ury unter dem Titel „Nesthäkchen kommt ins KZ“ publiziert.

Nach 1945

wurde die Stadt Tangermünde laut SMAD-Befehl Nr. 82 zum Erhalt des jüdischen Friedhofs verpflichtet. http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/132873/kriegsverbrecherverfolgung-in-sbz-und-frueher-ddr?p=all 

Zu DDR-Zeiten

führte der in der Denkmalpflege engagierte Tangermünder Schulleiter Gröseling von der Diesterwegschule mit interessierten Schülern auf dem jüdischen Friedhof ausgiebige Aufräumarbeiten durch. Unter den zahlreichen zerstörten und umgeworfenen Grabsteinen waren auch die von Joel und Henriette Bernhard. Am 9. November 1988 hat die Stadt Tangermünde ein Pogromgedenken in Form einer Feierstunde mit kirchlicher Beteiligung auf dem jüdischen  Friedhof veranstaltet.

Nach der Wende

1995 entstand in Tangermünde der Museumsverein Tangermünde e. V.. Seitdem sind Pflege und Erhalt von Gedenkstätten wichtige Anliegen in der Vereinsarbeit.

1996 begann das Vereinsmitglied Helmut Schöll das seit über 10 Jahren vernachlässigte jüdische Friedhofsterrain pflegerisch zu betreuen. Herr Schöll entfernte Wildwuchs, richtete Grabsteine auf und ließ Schäden reparieren. 1996 wurde die Mauer des jüdischen Friedhofes im Auftrag des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden Sachsen-Anhalt mit einer Finanzhilfe des Bundes und des Landes saniert. Die Gesamtkosten beliefen sich auf fast 100.000,00 DM.

Am 8. Juli 1997 fanden auf dem Friedhof Übergriffe statt: 15 Grabsteine wurden umgeworden und stark beschädigt. Der Landesverband der jüdischen Gemeinden Sachsen-Anhalts erfuhr davon, doch das polizeilich eingeleitete Anzeigeverfahren ist bereits am 27. Oktober 1997 eingestellt worden.

Herr Schöll bekam 1997 durch abkommandierte Bundeswehrsoldaten aus Havelberg bei den schwierigsten Restaurationsaktivitäten wunschgemäße Unterstützung. Die Soldaten beseitigten die Spuren brachialer Gewalt, richteten 17 Grabsteine auf, befestigten umsturzgefährdete und legten Inschriften frei.

 

Höhepunkt dieser mehrjährigen Arbeiten war der Einbau neuer eiserner Tore durch die Stadt Tangermünde, die imOktober 2000 in Gegenwart von Landesrabbiner Benjamin David Soussan und dem Vorsitzenden des jüdischen Landesverbandes Jakov Li offiziell ihrer Bestimmung übergeben wurden.

 

Anfängliche Befürchtungen, die deutlich sichtbaren Davidssterne an den Pforten könnten möglicherweise erneut gewaltbereite Gruppen provozieren, bestätigten sich glücklicherweise nicht: Es gab seither keine Zerstörungen mehr.

 

Der Museumsverein Tangermünde e. V. öffnet alljährlich seit 1997 zum 9. November den Friedhof, aber auch für interessierte Besucher und Schulklassen. Auf Anfrage werden Auskünfte zur Geschichte der jüdischen Bürger der Stadt erteilt.

Der Tangermünder jüdische Friedhof untersteht seit einiger Zeit wieder der Verwaltung des Landesverband der jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt.

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Jüdischer Friedhof Tangermünde (kleine Teilstudie). Grabstätten am Eingangstor Magdeburger Straße mit Friedhofsmauer.

Bleistiftzeichnung von ©Heide Kramer, Hannover, 1. August 2012

 

Text-/Fotobeitrag: ©Heide Kramer, Hannover, August 2012.

Fotos von der Grabstätte Treudel (oder Trendel) Beschütz, geb. Ury: ©Heide Kramer, 1. August 2012.

Bleistiftzeichnungen „Jüdischer Friedhof in Tangermünde“: ©Heide Kramer, Hannover, 1. August 2012.

Meine zeichnerische Arbeit habe ich am 1. August 2012 mit freundlicher Genehmigung des Archivs/Museen der Stadt Tangermünde auf dem jüdischen Friedhofsterrain durchgeführt.

 

 

 

 

 

 

Anhang:

Auszug aus der Publikation: „Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt, Wernigerode 1997“.

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Quellen/Literaturhinweise:

©2003: Alemannia Judaica - Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum.
©Zeugnisse jüdischer Kultur. Erinnerungsstätten in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen. Projektleitung: Kathrin Wolff. Gesamtredaktion: Cordula Führer. Berlin 1992.

©Archiv „Museen der Stadt Tangermünde“, Arneburger Str. 94, 39590 Tangermünde. Auszug mit freundlicher Überlassung des Archivs aus der Publikation: „Geschichte jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt, Wernigerode 1997“.

 

©Michael Brocke/Eckehart Ruthenberg, Kai Uwe Schulenburg: „Stein und Name“. Die jüdischen Friedhöfe in Ostdeutschland (Neue Bundesländer/DDR und Berlin). Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum (VIKJ), Berlin 1994.

 

©“Erloschen? Vom Werden und Sterben der jüdischen Gemeinde in Tangermünde“. Eine Forschungsarbeit der Jungen Tangermünder Stadtführer im Schuljahr 2006/2007.

(Projektarbeit der Jungen Tangermünder Stadtführer im Rahmen des Jugendprogramms „Zeitensprünge“ der Stiftung Demokratische Jugend im Schuljahr 2006/2007.). Im Bestand des Archivs „Museen der Stadt Tangermünde“.

 

©Heinz Knobloch: „Meine liebste Mathilde – Geschichte zum Berühren“. Erschienen im Buchverlag Der Morgen, Berlin 1985“. Heinz Knobloch recherchierte vorrangig über das Schicksal von Mathilde Jacob. 

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Heide Kramer 09/15/2012 11:20


Siehe auch:


http://www.niqel.de:80/weltlauf/index.htm  (weltlauf.info)


  



http://www.hagalil.com/archiv/2012/09/11/tangermuende/   (HaGalil)