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Dorfmark Ostern 2010 - "Geschlossene Gesellschaft"

15. April 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Artikelserie "Ludendorffer"

blick nach rechts   6.4.2010

„Geschlossene Gesellschaft“

Auch in diesem Jahr haben sich die rassistischen Ludendorff-Anhänger zu ihrem österlichen Spektakel in Dorfmark in der Lüneburger Heide getroffen – nur wenige Einwohner beteiligen sich an den Gegenprotesten.

Die Teilnehmer zur alljährlichen Ostertagung im niedersächsischen Dorfmark reisten ab Karfreitag aus dem gesamten Bundesgebiet an. Schwerpunktmäßig stammen die Anhänger des „Bundes für Gotterkenntnis – Ludendorff“ aus Schleswig-Holstein, Brandenburg, Niedersachsen und Baden-Württemberg, einige kamen aber auch aus Berlin und Nordrhein-Westfalen. In Kirchmöser bei Brandenburg betreibt der Verein mit Sitz im bayerischen Tutzing einen renovierten Bauernhof als Treffpunkt.

Traditionell tagt man zu Ostern in Dorfmark. In diesem Jahr wurde vor dem Gasthof „Deutsches Haus“ auch die schwedische Fahne gehisst, zwei Fahrzeuge mit Gästen aus Skandinavien nahmen teil. Im zweiten Veranstaltungslokal „Zur Post“ nahe dem Bahnhof war vorsorglich ein Hinweis mit „Geschlossene Gesellschaft“ an der Eingangstür angebracht.

Mit zahlreichen Kindern und Jugendlichen angereist

Den Protesten von rund 120 zumeist jungen Leuten aus der Lüneburger Heide und dem Landkreis Soltau-Fallingbostel sahen die Ludendorffer argwöhnisch zu. Sie sind es seit Jahrzehnten gewohnt, bei den meisten der rund 3000 Einwohnern des touristischen Örtchens Dorfmark nicht aufzufallen oder Anstoß zu erregen. Auch in diesem Jahr beteiligen sich an den mehrtägigen Protestaktionen zwar neben Gewerkschaften, Parteien auch Sportverein und Kirche, doch nur wenige Alteingesessene selbst waren dabei. In ihren Augen scheinen es eher die Gegendemonstranten zu sein, die Unruhe in die Region bringen.

Wie vielen extrem rechten Hintergrundorganisationen gelingt es auch dem „Bund für Gotterkenntnis“ seit Jahren, Privates mit Politischem zu verbinden. So reisen viele Ludendorffer mit Kleinbussen und zahlreichen Kindern und Jugendlichen an. Im unauffälligen „Arbeitskreis Lebenskunde“ in Bad Segeberg organisiert die Ludendorff-Truppe Ferienlager, „Volkstumsfahrten“ oder „Erziehertagungen“. In Dorfmark finden neben politischen und historischen Vorträgen auch ein Bunter Abend, „Heiteres zur deutschen Rechtsschreibreform“ oder ein Konzert statt. Einige ältere Männer versuchen vor dem Eintreten ins Lokal noch Gegendemonstranten zu belehren, ihre Themen sind schnell die alten: Die deutschen Ostgebiete oder die Rolle Israels.

„Aus Verantwortung das Entstehen von ‘Mischlingen‘ einschränken“

Ein älterer Herr dagegen soll unauffällig an der Polizeikette vorbeigeführt werden. Nachfragen von Journalisten sind nicht erwünscht. Dabei hat Hajo Herrmann zeitlebens die Öffentlichkeit gesucht. Jetzt soll der ehemalige Düsseldorfer Rechtsanwalt auf die Frage, ob er denn Ludendorffer sei, lieber nicht antworten. „Ich komme ursprünglich aus Kiel“, stammelt er noch, dann wird er in die Gaststätte geführt. Der ehemalige Jagdflieger und Göring-Bekannte wird in der braunen Szene verehrt. Seinen fünfundneunzigsten Geburtstag feierte er vor zwei Jahren im Kreise von NPD-Oberen und anderen Szenegrößen im sächsischen Borna. Beim mitgliederstärksten Neonazi-Aufmarsch seit Jahren in Dresden im Februar 2009 trat der hochbetagte Altrechte noch als Redner auf.

In Dorfmark dagegen möchten die Gottgläubigen gern als unpolitisch gelten und der Öffentlichkeit wenig Angriffsfläche bieten. Ihre Kleidung ist in diesem Jahr unauffällig, rassistische Ansichten werden hier nicht nach außen getragen. Auf ihrer Homepage dagegen heißt es unter anderem zu so genannten „Mischlingen“: weil, „..die innere Zerrissenheit dieser Menschen bei stark unterschiedlicher Mentalität der Eltern als schwerwiegendes Leid erachtet“ würde, „wird versucht, das Entstehen solcher Menschen“ aus Verantwortung „einzuschränken“.

Fotografen werden umstellt

Auch scheinen einige Programmpunkte der Tagung an aktuelle Topics der Neonazi-Szene anzudocken, so ist „2000 Jahre deutsche Geschichte“ ebenso Thema wie auch „Englands Kriegsausweitungsstrategie und Besetzung Norwegens vor 70 Jahren“.

Nach der Protestaktion am Karfreitag kehrte wieder Alltag ins Heideörtchen ein. Ungestört schoben die Ludendorff-Anhänger ihre Kinderwagen von einem Lokal zum anderen oder unterhielten sich angeregt in Grüppchen auf der Straße. Da mögen es manche geradezu als unerhört aufgefasst haben, als erneut zwei Fotografen auftauchten und das beschauliche Treiben am Ostersonntag dokumentieren wollten. Schnell wurden sie umstellt, eine Kamera ging zu Boden. In Dorfmark ist man halt gerne unter sich.

06. 04. 2010 - Andrea Röpke

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