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Eine mutige Frau

17. Mai 2011 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Historisches

Heute wäre die Widerstandskämpferin Ilse Stöbe 100 Jahre alt geworden

Von Elfriede Brüning
An diese ehemalige Mitarbeiterin will das Auswärtige Amt ni
An diese ehemalige Mitarbeiterin will das Auswärtige Amt nicht erinnert werden
Wer weiß heute noch, wer Ilse Stöbe war, da kein Gedenkstein, kein Stolperstein – etwa in Berlin-Lichtenberg, wo sie geboren wurde– an sie erinnert und wo ihr Name auch in der einzigen Berufsschule, die zu DDR-Zeiten ihre Initiale trug, nach der Wende eiligst gelöscht worden ist? Höchste Zeit, scheint mir, dieses infame Unrecht wiedergutzumachen und irgendeine Schule oder Bibliothek in Berlin nach ihr zu benennen. Denn Ilse Stöbe war eine bedeutende Frau, eine mutige Kämpferin. Eine Frau, die mitten im Auswärtigen Amt, in dem sie angestellt war, Jahre hindurch eine Widerstandsgruppe geleitet und wichtige Informationen, so zum Beispiel den genauen Termin des Überfalls der Faschisten auf die Sowjetunion, an den sowjetischen Geheimdienst weitergegeben hat. Wie ist es dazu gekommen?

Ilse Stöbe stammte aus einer Arbeiterfamilie. Sie wuchs, zusammen mit einem Halbbruder, bei ihrer Mutter auf, die sie im sozialistischen Sinne erzog, der aber die Mittel fehlten, um die hochbegabte Tochter etwa studieren zu lassen. Ilse mußte so bald wie möglich Geld verdienen. Durch einen Trick gelang es ihr, das Interesse des damals weltbekannten Leitartiklers des Berliner Tageblatts, Theodor Wolff, zu wecken, der sie als Chefsekretärin in sein Büro holte und sie nach Kräften förderte. Der Sechzigjährige war vernarrt in die schöne junge Frau und hätte sie gern zu seiner Geliebten erkoren – aber Stöbe mochte ihn nicht als Mann, zumal die Klassenunterschiede zwischen ihnen unüberwindlich schienen. Und hatte sie nicht damals schon ihre große Liebe gefunden zu Rudolf Herrnstadt, einem fähigen Journalisten, der ebenfalls für das Berliner Tageblatt tätig war? »Herrnstadt ging in unserem Haus ein und aus«, schrieb Ilses Halbbruder später. »Beide waren verlobt«. Aber zur Hochzeit sollte es nicht kommen.

Herrnstadt wurde als Sonderkorrespondent nach Warschau entsandt, wohin Stöbe ihm erst nach Jahren zu folgen vermochte. Sie war dort – offiziell – Auslandskorrespondentin Schweizer Zeitungen, ja, vorübergehend war sie sogar im Auftrag des nationalsozialistischen Ortsgruppenführers für die faschistische Kulturarbeit tätig – eine Arbeit, die sie sicherlich große Überwindung kostete, die sie aber willig auf sich nahm, um ihre wichtige Aufgabe für den sowjetischen Geheimdienst, in die Herrnstadt sie eingeweiht hatte, zu tarnen.

Ein weiteres Mitglied der Gruppe war der Botschaftsrat Rudolf von Scheliha, ein erbitterter Hitler-Gegner, der sich aber seine wertvollen Informationen, die, wie er glaubte, an den britischen Geheimdienst gingen, teuer bezahlen ließ, denn er führte einen aufwendigen Lebenswandel. Er brauchte immer Geld.

Nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen zerfiel die Gruppe. Herrnstadt floh nach Moskau, während von Scheliha und Stöbe nach Berlin zurückkehrten. Beide arbeiteten im Auswärtigen Amt, bis ein Funkspruch aus Moskau an die Brüsseler Zentrale, den die Nazis entziffern konnten, ihr zum Verhängnis wurde. Obwohl Ilse Stöbe jede illegale Tätigkeit leugnete, wurde sie verhaftet und sieben Wochen lang grausam verhört. Schließlich nahm sie alle Schuld allein auf sich. »Ich habe drei Männern und einer Frau das Leben gerettet«, sagte sie zu ihren Mithäftlingen, als sie von der Vernehmung kam. Gerade hatte man ihr das Todesurteil verkündet. Stöbe und von Scheliha wurden vom Reichskriegsgericht verurteilt und am 22. Dezember 1942 hingerichtet. Sie war erst 31 Jahre alt.

Die Autorin, geboren 1910, schrieb ab 1929 für das Berliner Tageblatt und gehörte ab 1932 zum Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller

Quelle: jungeWelt 17.05.2011

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H. Anne Kramer 05/18/2011 13:28



Herzlichen Dank für diesen so guten und außerordentlich wichtigen Beitrag! Ich kannte dieses Widerstandsschicksal bislang nicht und bin froh, dass sich das nun geändert hat.


H. A. Kramer


Hannover, 18.5.2011