Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog

Extremismus im Schüleraufsatz?

15. Januar 2011 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Repression

Von Hagen Jung 15.01.2011 / Quelle: Neues Deutschland

Extremismus im Schüleraufsatz

Wachsamkeit in Niedersachsen – Anonym die Polizei informiert

Die sattsam vertrauten Wachsamkeitsappelle des niedersächsischen Innenministers Uwe Schünemann (CDU) treiben merkwürdige Blüten: Eine Lehrerin witterte im Aufsatz eines muslimischen Schülers Extremismus – und meldete dies der Polizei. Anonym. So viel Empörung hat die Sache ausgelöst, dass sich die Landesregierung damit befassen muss.

Das Geschehen, zu dem SPD und Grüne im Landtag nun eine Anfrage formulieren, beschäftigte die Polizei schon 2008. Damals hatte sich der 19-jährige Yasin Celik, Schüler an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Garbsen bei Hannover, in einer schriftlichen Arbeit kritisch über Aussagen des Theologen Hans Küng geäußert. Celik wollte sich nicht mit der These anfreunden, aus gemeinsamen Regeln verschiedener Religionen könnte sich ein »Weltethos« entwickeln. Für die Verteidigung des Korans hatte sich der Schüler eingesetzt, auch Gespräche zu diesem Thema hatte er mit der Lehrerin geführt. Diese aber witterte Ungemach. Die Frau schrieb auf einen Zettel: »Yasin Celik, Schüler in der 11. Klasse der IGS Garbsen, hat Kontakt zu einer extremistisch-islamischen Gruppe. Wenn ihm Verständnis und Wertschätzung entgegengebracht wird, würde er vielleicht reden.«


Ohne Absender und Unterschrift schickte die Pädagogin den Schrieb an die Polizei. Diese wiederum schaltete den Staatsschutz ein. Uwe Schünemanns Schlapphüte nahmen den Schüler ins Visier, entdeckten jedoch nichts Böses.

Das Ganze kam ans Tageslicht; SPD und Grüne im Landtag wollen nun umfassend über den Fall informiert werden. Der Innenexperte der SPD-Fraktion, Klaus-Peter Bachmann, kommentierte die Angelegenheit gegenüber ND: »Schünemann ist ein Polarisierer; er schürt Vorurteile und macht Stimmung im Lande, die alles andere als integrationsfreundlich ist.« Und die migrationspolitische Sprecherin der Landtagsgrünen, Filiz Polat, weiß: Nicht nur Yasin Celik, sondern auch viele weitere muslimische Schülerinnen und Schüler werden im Alltag diskriminiert.

Schünemanns Denunziations- und Bespitzelungskampagne gegen junge Muslime zeige offensichtlich Wirkung, meint Pia Zimmermann, Sprecherin für Innenpolitik in der Linksfraktion. Dringend erforderlich seien umfassende Maßnahmen zur Integration dieser Bevölkerungsgruppe. »Der Fall des zu Unrecht verdächtigten Yasin Celik hat das auf fatale Weise deutlich gemacht.«

Das Kultusministerium will sich zur Sache nicht äußern, verweist auf die Landesschulbehörde. Auch deren Sprecher, Christian Zachlod, gibt sich zurückhaltend. Der Vorgang werde noch bearbeitet. Sind Lehrer seitens der Behörde angewiesen, »verdächtige« Passagen aus Aufsätzen zu melden? »Nein«, betont Zachlod.

Die Pädagogin, die den Hinweis an die Polizei verfasste, schweigt gegenüber den Medien. Eine Stellungnahme überließ sie ihrem Anwalt. Er schrieb gestern, es sei falsch, wenn in Zeitungen behauptet werde, seine Mandantin habe den Schüler der Mitgliedschaft in einer islamistisch-terroristischen Vereinigung bezichtigt.

In dem anonymen Schreiben sei lediglich vom »Kontakt zu einer extremistisch-islamischen Gruppe« die Rede, also um eine fundamentalistische Gemeinschaft. Solche Gruppen aber gebe es auch bei Christen. Die Lehrerin habe befürchtet, dass Celik in extreme Gruppen abgleite. Es sei ihr nicht um eine Anschwärzung gegangen, »sondern um eine Hilfestellung«.

Diesen Post teilen

Repost 0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post