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Gedenktag sowjet. Friedhof Belsen-Hörsten 21.4.13 - DGB-Rede Matthias Richter-Steinke

22. April 2013 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Bergen Belsen

Rede zur Gedenkveranstaltung der VVN/BdA Nds. und des DGB am 21. April 2013 am Sowjetischen Kriegsgefangenenfriedhof in Hörsten

 

von Dr. Matthias Richter-Steinke,

Geschäftsführer der DGB Region Nord-Ost-Niedersachsen

 

(es gilt das gesprochene Wort)

 

 

 

Verehrte Anwesende, liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

es ist für mich eine große Ehre als Vertreter des Deutschen Gewerkschaftsbund und überzeugtem Gegner des Faschismus heute hier an diesem historischen Ort sprechen zu dürfen.

 

Ich bedaure bislang nur wenig über die Opfer dieses grausamen Ortes zu wissen; über die Leiden der Menschen die hier ab dem Jahre 1941 zu Tode gemartert und verscharrt wurden. Welcher Weg die Soldaten, die hier ruhen aus ihrer Heimat an diesen Ort gebracht hat. Was sie erlebt und erlitten haben. Und wie ihr Leben hätte verlaufen können, wenn sie nicht durch Krieg und Terror des faschistischen Größenwahns aus dem Leben gerissen worden währen.

 

Ich selbst stamme aus einer Familie, die der Krieg zerrissen, geprägt und gleichsam aus unterschiedlichen Teilen des Kontinents zusammengeführt hat. So wurde meine Großmutter in jungen Jahren von ihrer Familie getrennt und als Zwangsarbeiterin nach Deutschland geholt während meine Großväter in den Krieg mussten und viele Jahre in Gefangenschaft kamen – (erst vor einigen Jahren entdeckte ich die „Prisoner-of-War-Jacke“ meines einen Großvaters).

 

Schon früh interessierte ich mich für die Geschichte der Zwangsarbeiter, der Shoah im Dritten Reich und die Verfolgung der Juden in meiner Heimatstadt Hildesheim. Das stetige Engagement meiner Hildesheimer Schule führte mich vor fast genau 17 Jahren auch ins Lager Bergen-Belsen.

Erinnerungs- und Mahnkultur sind für mich seither fester Bestandteil meines Lebens. Denn nur wenn uns die Schrecken der Geschichte im Bewusstsein bleiben, nur wenn wir derer erinnern, die damals unter diesem Wahnsinn litten, ihn Bekämpften und in ihm umkamen, können wir sicherstellen dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

 

Für mich sind gewerkschaftliche Arbeit und Antifaschismus untrennbar miteinander verbunden.

Zum einen, weil (internationale) Solidarität zwischen Lohnabhängigen über Grenzen und die von Faschisten propagierten Grenzen von Rasse, Nationalität oder Sexualität hinweg im alltäglichen Kampf um Gerechtigkeit und ein lebenswertes Leben unabdingbar sind.

Zum anderen, weil uns unsere eigene gewerkschaftliche Geschichte daran erinnert, wie das faschistische NS-Regime die hiesige Arbeiterbewegung mit aller Macht terrorisierte und gewaltsam zerschlug.

 

So erinnern wir in diesen Wochen an den 80. Jahrestag der Zerschlagung der Gewerkschaften durch die Nazis. Wir erinnern an die Besetzungen und Verwüstungen, die SA-Schergen im Mai 1933 überall im Land in den Gewerkschaftshäusern, Büros und Wohnhäusern vollzogen und an die Verhaftung, Verschleppung, Folter und Tötung unserer gewerkschaftlichen Kolleginnen und Kollegen.

Für uns sind diese Ereignisse und die darauf folgende nationalsozialistische Terrorherrschaft Verpflichtung und Verantwortung zugleich. Es ist unsere Pflicht eine kontinuierliche Erinnerungsarbeit zu leisten.

 

Darüber hinaus mahnt uns die damals vorausgehende Spaltung und Lähmung der Arbeiterbewegung zur Einheit und zum Schulterschluss mit anderen Antifaschistinnen und Antifaschisten. Wir tragen die Verantwortung für die Gestaltung einer demokratischen, freien, sozialen und gerechten Gesellschaft. Dies erfordert auch den vielfältigen, flächendeckenden und kontinuierlichen Kampf gegen Faschismus und Rassenhass, damit es nie wieder „zu spät“ ist.

 

Können meine und die Generation meiner Eltern heute in Deutschland auf eine nie gekannte Periode des Friedens und des Wohlstands zurückblicken, so herrscht vielerorts große Not, werden universelle Menschenrechte verletzt und es toben weltweit zahllose Kriege.

Dass Freiheit im Sinne von „frei sein von materieller Not“ und „frei zu sein zu partizipieren“ sowie „frei von Angst zu sein“ immer noch keine Selbstverständlichkeit ist – ja längst erreichtes wieder verloren geht - sollte uns anspornen für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit zu streiten. Nicht die Freiheit des Marktes – mit seinen bisweilen Existenzen bedrohenden und vernichtenden Eigenschaften - sondern soziale und gesellschaftliche Errungenschaften sollten unser Streben bestimmen.

Konnten die Nationalsozialisten im 2. Weltkrieg nur mit militärischen Mitteln besiegt und die überlebenden Gefangenen der Vernichtungslager befreit werden, sollten wir als Teil der Zivilgesellschaft heute auch unsere Aufgabe darin sehen in den Kriegen Nord gegen Süd, Oben gegen Unten unsere Stimme für die Rechte der unterdrückten Menschen, für Demokratie und Toleranz einzusetzen.

 

Ich persönlich habe vor meinen Kindern zu erklären, was damals geschah, warum es geschah und was zu tun ist, damit sich die Geschichte niemals wiederholt.

 

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit.

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