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Hamelner Hotelkonzept Partys im Nazi-Gefängnis

27. Mai 2011 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - Norddeutschland

Von Benjamin Schulz

Screenshot der Hotel-Homepage: "Einmalige Geschichte"
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Screenshot der Hotel-Homepage: "Einmalige Geschichte"

Einst quälten und töteten die Nazis hier Gefangene: Ein Hotel in Hameln, das früher als Gefängnis diente, bietet "Knastfeten" an, Aufseher und gestreifte T-Shirts inklusive. Die Geschäftsführung sieht darin nichts Verletzendes, Historiker sind empört.

 

Einmal Sträfling sein kostet 44 Euro. Dafür bekommen Gäste im "Hotel Stadt Hameln" Knastmenü, Knastgetränke und Rahmenprogramm - schwarz-weiß gestreifte T-Shirts inklusive. Viereinhalb Stunden "Preußischer Justizvollzug als Spezialprogramm", so die Hotel-Homepage.

Dort ist das Programm der " Knastfeten" beschrieben: "'Jeder Gefangene hat seine Haft in nüchternem und gewaschenem Zustand anzutreten'", gibt der Oberaufseher in strengem Kasernenton an und erntet damit die ersten Lacher. Es geht "in Zweierreihen in Richtung Gemeinschaftszelle". Wer aufs Klo muss, hat "seine beabsichtigte Notdurft unter Strammstehen zu melden". Das Hotel, so die Selbstdarstellung, habe eine "einmalige Geschichte".

 

Einmalig ja. Aber keinesfalls harmlos.

Das heutige Hotelgebäude wurde 1827 errichtet - als Gefängnis. Die Nazis wandelten es 1935 in ein Zuchthaus um. Nach Recherchen des Lokalhistorikers Bernhard Gelderblom beläuft sich die Zahl der darin umgekommenen Menschen auf 474. Und laut dem 68-Jährigen werden immer mehr Fälle bekannt. Gelderblom forscht seit 1985 zu dem Thema und veröffentlicht seine Ergebnisse auf der Internetseite Hamelns Geschichte - abseits vom Rattenfänger.

Häftlinge starben in den späten Kriegsjahren laut Gelderblom aufgrund von Überarbeitung, Überbelegung, Hunger, fehlender Heizung und katastrophaler medizinischer Versorgung. In Einzelfällen seien sie "'auf der Flucht erschossen" oder "öffentlich gehängt" worden. Nach dem Krieg diente das Gefängnis der britischen Besatzungsarmee als Ort für Hinrichtungen.

Kein Hinweis auf die Ereignisse in der NS-Zeit

1986 wurden der Zellentrakt sowie der Ost- und Westflügel abgerissen. Die restlichen Gebäude stehen unter Denkmalschutz. 1992 verkaufte sie die Stadt zum symbolischen Preis von einer Mark. Im August 1993 wurde das Hotel eingeweiht. "Dieses Hotel an dieser Stelle war politischer Wille der Stadt Hameln", sagt Geschäftsführerin Gabriele Güse.

Die unrühmliche Vergangenheit des Hauses wird auf der Hotel-Homepage blumig umschrieben. Dort heißt es nur, der Knastkeller sei "in Anlehnung an die ehemalige preußische Strafanstalt, die sich von 1827 bis zum Zweiten Weltkrieg hinter unseren geschichtsträchtigen Mauern befunden hatte", entstanden. Unter "Historie" findet sich kein Hinweis auf die Ereignisse während der NS-Zeit. Der Zeitraum zwischen Ende des 19. Jahrhundert und 1978, als die letzten Gefangenen auszogen, wird mit einem Satz abgehandelt: "Über 150 Jahre dient der Bau als Strafanstalt."

"Knastfeten" im ehemaligen Nazi-Gefängnis? Gelderblom findet das "grotesk". Immer wieder habe er dagegen angeredet, etwa bei Vorträgen. Er habe zudem Kontakt zu Angehörigen ehemaliger Insassen des Gefängnisses. Diese seien "entsetzt und finden das geschmacklos".

Angemessenheit "liegt im Auge des Betrachters"

Die Geschäftsführung des Hotels findet die Veranstaltungen nicht verwerflich. "Wir denken nicht, dass wir mit unserem Hotel irgendjemandem schaden oder jemanden verletzen", sagt Geschäftsführerin Güse. Es gebe immer Menschen, die etwas, das andere tun, nicht gut finden. Warum ein Verweis auf die NS-Zeit auf der Hotel-Homepage fehle? "Ich möchte keine Auskunft dazu geben", sagt Güse. Was sie Menschen entgegne, die "Knastfeten" als unangemessen und geschmacklos empfinden? Auch dazu möchte sich Güse am Telefon nicht äußern.

Das kann Maurice Born überhaupt nicht verstehen. Der französische Professor im Ruhestand beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Hamelns Geschichte. 1964 war er zum ersten Mal in der Stadt, hat sie seither mehr als 20-mal besucht. Der 68-Jährige hat sich wie Gelderblom intensiv mit der NS-Vergangenheit Hamelns beschäftigt. Im vergangenen September sah er eine Anzeige für die "Knastfeten". "Ich konnte das einfach nicht glauben", sagt Born. "Ich dachte, das sei ein Scherz." Er sei "empört und enttäuscht" gewesen.

Born schrieb einen Brief an das Hotel, Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann und die Ratsfraktionen. Das sechsseitige Schreiben liegt SPIEGEL ONLINE vor. Darin rekapituliert Born die Geschichte des Gefängnisses - und kommt zum Ergebnis, die Knastfeten seien eine "groteske Maskerade", der geschichtliche Abriss auf der Hotel-Homepage "höchst einseitig". Die "Knastfeten" seien "ein verletzender Missbrauch eines geschichtsträchtigen Ortes".

"Das ist natürlich geschmacklos"

Der Brief ist auf den 14. Oktober 2010 datiert. Eine Antwort hat Born von keinem der Adressaten erhalten.

Hotel-Geschäftsführerin Güse sagt, sie könne sich an den Brief erinnern. "Wir erhalten immer mal wieder solche Schreiben." Zur Frage, weshalb es unbeantwortet blieb, wollte sie nichts sagen. Schriftlich teilt Güse auf Anfrage nur mit, das "Knastfeten"-Programm sei "zu keinem Zeitpunkt auch nur im Ansatz mit der von Herrn Born zitierten Geschichte des Hauses in Verbindung gebracht worden." Der Ablauf sei vergleichbar mit an anderer Stelle angebotenen "Rittermahlen". Lediglich der Name sei auf die Geschichte des Hauses bezogen.

Hamelns Pressesprecher Thomas Wahmes sagt, Oberbürgermeisterin Lippmann habe ihn gebeten, Borns Schreiben zu beantworten. Er sei aus Zeitmangel noch nicht dazu gekommen und bedaure die Verzögerung. Wahmes distanziert sich von den Hotel-Veranstaltungen. "Wir können Herrn Born und seine Empfindungen sehr gut verstehen", sagt der Sprecher. Das Hotel könne machen, was es für richtig halte, aber: "Wenn man weiß, was dort passiert ist, ist das natürlich geschmacklos." Lippmann sehe das genauso.

Am 8. Mai 2006 weihte Hameln eine Gedenktafel für die NS-Häftlinge ein. Ein Vertreter der Stadt sagte bei der Übergabe der Tafel, man schäme sich für das, "was hier unschuldigen Menschen angetan wurde". Nazi-Terror sei in Hameln "grausamer Alltag" gewesen, Hunderte Häftlinge seien gestorben. Gelderblom sei es zu verdanken, Licht in das Dunkel gebracht zu haben.

 

"Das zeigt, dass wir es mit dem Erinnern ernst meinen", sagt Pressesprecher Wahmes. Ganz so einfach war es aber doch nicht. Jahrelang, so Gelderblom, habe er Überzeugungsarbeit leisten müssen, ehe die Tafel aufgestellt worden sei.

Sie steht auf städtischem Gelände, nicht auf dem Hotelgrundstück.

 

Quelle: Spiegel Online 25.05.2011

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