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"Hells Angels" spalten Heideort

29. Oktober 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Hells Angels & Neonazis

"Hells Angels" spalten Heideort

von Angelika Henkel, Hallo Niedersachsen, und Stefan Schölermann, NDR Info

Die Lederweste des Anführers der hannoverschen Hells Angels, Frank Hanebuth. © dpa - Bildfunk Fotograf: Jochen Lübke Detailansicht des Bildes Die Lederweste des Anführers der hannoverschen "Hells Angels", Frank Hanebuth. (Archivbild) Wer in den Abendstunden mit dem Auto nach Walsrode kommt, wird sich verwundert die Augen reiben: Der Blick fällt auf einen hell erleuchteten Gebäudekomplex in rosa Farbe - der Dachfirst illuminiert mit roten Lichterketten. "Casanova-Club" ist in großen Buchstaben auf der Wand zu lesen: ein Land-Bordell, wie es viele gibt in der Region. Es gehört zum Imperium der Familie von Wolfgang Heer. Der 65-Jährige macht keinen Hehl daraus, womit er sein Geld verdient - er fühlt sich in Walsrode respektiert und geachtet. Und das nicht ohne Grund: Denn Wolfgang Heer lässt viele in seinem Heimatort an seinem Wohlstand teilhaben: Er sponsert Kulturveranstaltungen, spendet für mildtätige Organisationen und hat nach eigenen Angaben sogar schon einen Bürgermeisterkandidaten im Wahlkampf unterstützt. Doch es gibt da ein Problem: Wolfgang Heer ist Mitglied der Rockergruppe "Hells Angels" - ein prominentes sogar: Als "Treasurer" ist er nach den Clubregeln zuständig für deren Finanzen. Auch sein Sohn Michél trägt die "Hells Angels"-Kutte. Beide sind Mitglied im "Hells Angels Charter Hannover" des dortigen Rockerpräsidenten Frank Hanebuth.

Kaum jemand in Walsrode nimmt Anstoß

Zwar warnen nationale und internationale Polizeibehörden seit Jahren vor den Aktivitäten der Rockerbanden. Doch in Walsrode hat bisher kaum jemand Anstoß daran genommen, dass auch die beiden Heers dort Mitglied sind. Im Gegenteil: Walsrodes Bürgermeisterin Silke Lorenz (parteilos) ließ sich in der Vergangenheit für die örtliche Zeitung offenbar bereitwillig mit Michél Heer ablichten, als der vor drei Jahren sein Bowlingcenter "Colosseum" im Walsroder Gewerbegebiet einweihte. Auch Michél Heer ist als Geschäftsmann in Walsrode aktiv. Neben dem Bowlingcenter betreibt er unter anderem ein Fitness- und Kampfsportstudio und ist Geschäftsführer einer Sicherheitsfirma namens "GAB-Security". Sie stellt viele Türsteher in Hannovers berüchtigtem Amüsierviertel "Am Steintor".

Auch Kultur- und Schlagerveranstaltungen organisiert

Jahrelang beschwerte sich wegen dieser Gemengelage in der Heidestadt kaum jemand. Bei Feuerwehr und Sportverein waren die finanziellen Zuwendungen von Wolfgang Heer nach dessen eigenen Angaben hoch willkommen. Für Wolfgang Heer ist das auch richtig so. Er weist für sich jede Verbindung zu kriminellen Handlungen als falsch zurück und fühlt sich als "ganz normaler Bürger Walsrodes". Bereitwillig überließ die örtliche Werbegemeinschaft "Stadtmarketing" den Heers auch die Organisation von Kultur- und Schlagerveranstaltungen. Schließlich ist Michél Heers "Colosseum" als Firma Mitglied der Werbegemeinschaft. Anstoß nahm nur der Verein "Frauen helfen Frauen", als die Heers vor Jahren auch die Gestaltung des Weihnachtsmarktes unterstützten. "Frauen helfen Frauen" wollte nicht mit Geldern aus dem Heer-Imperium in Verbindung gebracht werden - und stieg aus dem Weihnachtsmarktprojekt aus.

Grünen-Ratsherr fordert Distanzierung

Detlef Gieseke, Grüne Walsrode © NDR Fotograf: Stefan Schölermann Detailansicht des Bildes Detlef Gieseke, Grünen-Ratsherr in Walsrode, will in Sachen "Hells Angels" aufklären und nachfragen. Danach übte kaum jemand wieder offen Kritik an dieser Situation, bis sich kürzlich der Walsroder Grünen-Ratsherr Detlef Gieseke öffentlich zu Wort meldete: "Wenn jemand Mitglied einer solchen Organisation ist, die offenbar durch Gewalt und die Androhung von Gewalt ihre Interessen durchsetzt und die Mitglieder einer solchen Organisation zum Teil mit schweren Straftaten in Verbindung gebracht werden, dann müssen doch in einer Stadt wie Walsrode die roten Warnlampen angehen." Als Ratsherr sehe er sich in der Pflicht, aufzuklären und nachzufragen. Gieseke hat eine eindeutige Forderung: "Ich hatte vorgeschlagen, dass wir als Rat einen Brief an die Vereine schreiben, keine Spenden mehr von einem Mitglied der 'Angels' anzunehmen." Außerdem forderte er die Werbegemeinschaft "Stadtmarketing" auf, den Sicherheitsdienst seiner Veranstaltungen nicht mehr von Mitgliedern der Familie Heer organisieren zu lassen. Auch die Organisation der Kulturveranstaltung "Walsroder Mittwoch" dürfe nicht mehr in die "Hände der 'Hells Angels' und damit Mitgliedern der Familie Heer" gelegt werden. Vor allem aber verlangt der 60 Jahre alte Lehrer Giseke, dass sich Ratsversammlung, Bürgermeisterin und "Stadtmarketing" öffentlich deutlich von den Aktivitäten der "Hells Angels" und damit auch den beiden Heers distanzieren.

 

Mitglieder der Rockergruppe "Hells Angels" © dpa Detailansicht des Bildes Mitglieder der Rockergruppe "Hells Angels" (Themenbild) Die Reaktionen auf seine Forderungen fielen "überschaubar" aus: Der Förderverein "Stadtmarketing" erklärte schriftlich, dass man nicht mit Partnern oder Organisationen zusammenarbeite, die "strafrechtlich in Erscheinung treten". Eine Absage an die Zusammenarbeit mit den Heers enthält diese Stellungnahme nicht - warum auch? Schließlich sind sie nicht als Straftäter in Erscheinung getreten. Doch genau da liegt für Gieseke das Problem: "Das wäre ja so, als sagte man: Was da im Hintergrund passiert, das interessiert mich nicht. Wir wissen doch, dass da im Hintergrund was ganz anderes läuft, und dass das Geld möglicherweise aus schlimmen Taten stammt."

Rechtsanwalt unterstützt Ratsherren

Mit seiner Forderung steht Gieseke nicht mehr ganz allein. Auch dem Walsroder Rechtsanwalt Thomas Lasthaus ist der Umstand ein Dorn im Auge, dass Gelder von Menschen entgegengenommen werden, die zu den "Hells Angels" zählen: "Das ist Geld, dass aus meiner Sicht zumindest in der Gefahr steht, bemakelt zu sein. Und bemakeltes Geld hat in diesem öffentlichen Kreislauf nichts zu suchen." Lasthaus kennt sich gut aus in Walsrode - jahrelang war er Vorsitzender der Werbegemeinschaft. Die Argumentation, es sei Herrn Heer gerichtsverwertbar nichts vorzuwerfen und deshalb sei man geradezu verpflichtet, Spenden anzunehmen und Veranstaltungen gemeinsam zu planen, habe er selbst schon öfter gehört in Walsrode, sagt der Anwalt. Eine Argumentation, die der Advokat als "absurd" bezeichnet: "Es entscheidet jeder Geschäftspartner selbst, mit wem er Geschäfte abschließt und jeder Verein entscheidet selbst, von wem er Spenden entgegennimmt. Einen Rechtsanspruch des Spenders, dass sein Geld auch tatsächlich angenommen werden muss - den kenne ich nicht."

Bund Deutscher Kriminalbeamter warnt

Mit Sorge sieht man die Entwicklung in Walsrode auch beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Dieser warnt auf seiner Internetseite ausdrücklich vor den Aktivitäten der "Hells Angels". "Wir haben die Erkenntnisse, dass die 'Hells Angels' ihre Organisationsstruktur nutzen, um im Schattendasein ihres Motorradclubs Straftaten zu begehen. Wir reden über Straftaten im Bereich der Rotlichtkriminalität, über Waffenkriminalität und über Betäubungsmittelkriminalität", sagt der stellvertretende BDK-Landesvorsitzende in Niedersachsen, Hans-Dieter Wilhus. Es sei deshalb generell eine problematische Lage, wenn Mitglieder dieser Gruppen zu Bestandteilen der "normalen Gesellschaft" würden, sagt Wilhus. "Das ist äußerst gefährlich. Solche Bestandteile einer normalen Zivilgesellschaft haben immer den Anspruch, Macht auszuüben, ihre Interessen am Gesetz vorbei mit meistens illegalen Mitteln durchzusetzen. Und wenn sich so etwas erst einmal verfestigt hat, wird es schwierig für staatliche Verfolgungsorgane, den Rechtsanspruch des Staates durchzusetzen."

Interviewzusage kurzfristig zurückgezogen

Die Bürgermeisterin der Stadt Walsrode war zu einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk zu der Kritik des Grünen-Ratsherrn offenbar nicht bereit. Auch die Werbegemeinschaft "Stadtmarketing" wollte nicht mit dem NDR über die Kritik sprechen. Der Geschäftsmann Wolfgang Heer zog eine zuvor erteilte Interviewzusage zu den Vorhaltungen des Grünen-Politikers Gieseke kurzfristig wieder zurück. Auch sein Sohn sei derzeit nicht zu einem Interview bereit, hieß es.

 

Quelle: NDR Stand: 27.10.2010 20:00 Uhr

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