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junge welt 1.8.12 -- Internat. antifa Jugendcamp zwischen Belsen und Buchholz i.d.N.

1. August 2012 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Bergen Belsen

junge welt   01.08.2012 / Antifa / Seite 15

Erinnerung an die Heidebahn-Transporte

Gedenktafel in der Lüneburger Heide durch Teilnehmer von Internationalem Jugendcamp eingeweiht

Birgit Gärtner, Kristian Stemmler, Heideruh

Auf der Heidebahn, seinerzeit offiziell »Reichsbahnstrecke 109d«, wurden von August 1944 bis April 1945 Tausende KZ-Gefangene transportiert – vorwiegend im Rahmen des Häftlingsaustausches zwischen den Konzentrationslagern Neuengamme und Bergen-Belsen. 631 von ihnen überlebten diese Tortur nicht. An diese Opfer des Faschismus erinnert seit vergangenem Sonntag eine Gedenktafel auf dem Bahnhof in dem kleinen Ort Handeloh im Norden der Lüneburger Heide. Dort hielt vom 8. bis 9. April 1945 ein solcher Zug mit etwa 5000 Häftlingen. Als dieser in Richtung Soltau abfuhr, blieben 64 Tote zurück, verhungert oder von SS-Wachen bei Fluchtversuchen erschossen. Die Errichtung der Gedenktafel war der Abschluß eines 16-tägigen internationalen Jugendcamps in der antifaschistischen Erholungs- und Begegnungsstätte Heideruh in Buchholz in der Nordheide.

»Es war noch sehr früh, und es war ein herrlicher Morgen. Ich sah die Sonne und konnte mich nicht satt sehen daran und war doch zu schwach, um mich am Fenster halten zu können«, beschreibt Renata Laqueur in dem Buch »Nur Gott der Herr kennt ihre Namen – KZ-Züge auf der Heidebahn« von Sigrun Wulf ihre qualvollen Erfahrungen. Sie überlebte und konnte später Zeugnis über die unvorstellbaren Bedingungen in den Zügen ablegen: 50 oder 60 Personen wurden in einem Güterwaggon zusammengepfercht, ohne Licht und oft ohne Toilette, viele schwer krank, kaum Wasser, wenig zu essen. Außer den unmenschlichen Bedingungen waren die Gefangenen der Brutalität der SS ausgesetzt. Allein in dem Heide-Dorf Wolterdingen sind 264 KZ-Häftlinge begraben, die kurz vor Ende des Krieges von SS-Leuten erschlagen wurden.

Das Zitat von Renata Laqueur steht nun auch auf der Gedenktafel im Handeloher Bahnhof, gestaltet von zwölf Studentinnen und Studenten aus sechs Nationen, aus Rußland, der Ukraine, Serbien, Tschechien, Ungarn und Spanien. Das Camp, an dem sie teilnahmen, wurde vom Service Civil International (SCI) und dem Auschwitz-Komitee in der Bundesrepublik e.V. organisiert.

Geschockt mußten die Jugendlichen zur Kenntnis nehmen, daß in der Region heute wieder alte und neue Faschisten von staatlichen Stellen nahezu ungestört agieren können. Nachbarort von Handeloh ist das berühmt-berüchtigte Städtchen Tostedt, in dem unter anderem Stefan Silar, ein verurteilter Totschläger, unbehelligt einen Laden für Neonaziklamotten und Musik betreiben kann. »Ich kann nicht verstehen, nach all dem, was ich über deutsche Geschichte weiß, und ganz konkret hier in Heideruh erfahren habe, daß die Behörden nichts gegen offen auftretende Nazis unternehmen«, empörte sich die Serbin Amela.

Ein größeres Problem für die Ämter war offenbar der Wunsch der Jugendlichen, die Gedenktafel für die Opfer des Faschismus einzuweihen. Im Vorfeld versuchte die Gemeinde die Aufstellung zu verhindern. Begründung: Von offizieller Seite sei ebenfalls ein Mahnmal geplant, dessen Gestaltung der Gemeinderat sich nicht aus der Hand nehmen lassen wolle, heißt es in einem Brief an die Organisatoren des Jugendcamps. »Wir hoffen, daß unser Bemühen vom Gemeinderat trotzdem honoriert wird«, äußerte der russische Student Alexej Iwanowitsch gegenüber junge Welt, »und die Tafel noch steht, sollten wir irgendwann einmal wieder hierher zurückkehren«.
Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2012/08-01/006.php
(c) Junge Welt 2012

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