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Kreiszeitung.de 22.2.13 -- Neupack: Gut organisiertes Streikdorf

22. Februar 2013 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #soziale Gerechtigkeit - gewerkschaftliche Kämpfe

Kreiszeitung.de 22.02.13

Neupack in Rotenburg: Die Kollegen im Ausstand rücken viel näher zusammen / Gut organisiertes „Streikdorf“

Neupack: Die Kollegen im Ausstand rücken viel näher zusammen

Ein gut organisiertes „Streikdorf“

Rotenburg - Von Guido Menker. Am Zaun hängen die Plakate und Fahnen, das Feuer im großen Korb vor der Einfahrt brennt. Ansonsten herrscht vor dem Werksgelände der Firma Neupack am Jeersdorfer Weg in Rotenburg gähnende Leere. In der Jurte auf dem Grundstück nebenan sitzen zwei Kollegen.
Neupack Rotenburg Streik
© Foto: Menker
Jens Wittleder schließt eine frische Gasflasche für den Heizpilz an.
Der Rest der Streikenden ist auf dem Weg zur Mitgliederversammlung der Gewerkschaft in Hamburg. Am Tag zuvor war die dritte Welle im sogenannten Flexistreik gestartet worden – der Ausstand hatte am 1. November begonnen ... Die beiden Männer in der Jurte haben es warm. Der Fernseher läuft. Passend zu ihrer Situation dann auch die Sendung, die da gerade über den Bildschirm flimmert: „Verklag mich doch“.

Video vom 28. Januar 2013

 

Neupack-Mitarbeiter in Rotenburg nehmen ihre Arbeit wieder auf

Zum Video
 
Wenige Stunden später trudeln die ersten Streikenden wieder in Rotenburg ein. Jens Wittleder, Victor Nowotny und Raimund Hartwig nehmen sich Zeit für ein Gespräch mit der Kreiszeitung. Auf dem Tisch stehen ein paar Getränke und Aschenbecher. Unter der Decke spendet eine Lampe Licht. „Den Strom bekommen wir von der Firma Früchtenicht nebenan, sie haben uns auch das Gelände zur Verfügung gestellt“, sagt Jens Wittleder. Doch damit nicht genug: So ein Streik über derart lange Zeit erfordert eine Logistik, einen Arbeitsplan und Kollegen, die voll mitziehen. „Wir haben ein Streik-Komitee“, berichtet Victor Nowotny. Doch eigentlich gibt es keinen, der den Hut auf hat. Alle ziehen an einem Strang, die Solidarität untereinander sei groß.
Victor Nowotny schaufelt Kohle fürs Feuer.© Foto: MenkerVictor Nowotny schaufelt Kohle fürs Feuer.
Das gelte aber nicht für den gesamten Betrieb, denn etwa 20 der rund 65 Beschäftigten bei Neupack in Rotenburg beteiligten sich nicht am Streik, heißt es. Doch die Kollegen im Ausstand sind sich sicher: „Wir machen das für uns alle, es geht um Transparenz, um eine gerechte Bezahlung, um gleiches Geld für gleiche Arbeit“, sagen die drei Männer, die zum Teil schon seit vielen Jahren dort beschäftigt sind. Doch jetzt haben sie ihre Arbeit erst einmal wieder niedergelegt. Das Zelt ist jeden Tag rund um die Uhr besetzt. „Auch in den Nächten sowie am Wochenende gibt es keine Probleme, Freiwillige zu finden“, ergänzt Nowotny mit einer gewissen Portion Stolz in der Stimme. Mittags gebe es Essen von den Rotenburger Werken, „um das Frühstück kümmern wir uns selbst“, fügt er hinzu. Die Aufgaben seien klar verteilt – für den Einkauf der Lebensmittel und Getränke, für das Auffüllen des Feuerkorbes und das Erneuern der Gasflaschen. „Wir haben hier ganz klare Spielregeln“, erklären die Männer, die im Zelt sowie im Wohnwagen daneben vernetzt und auch sonst technisch bestens ausgestattet sind. Wichtigstes „Gesetz“ im „Streikdorf“: absolutes Alkoholverbot. Aber sonst ist alles da, was das Herz begehrt: Espresso- und Kaffeemaschine, Kühlschrank sowie Mikrowelle.
Klare Forderung: ein Tarifvertrag.© Foto: MenkerKlare Forderung: ein Tarifvertrag.
Die Solidarität, die die Kollegen verspüren, sei aber nicht nur untereinander gut, auch von außen gebe es reichlich Unterstützung: Von der Firma Früchtenicht, von Bruns sowie von der Firma Kohlmeyer in unmittelbarer Nachbarschaft. Schöner noch aus Sicht der Streikenden: „Wir alle rücken hier sehr eng zusammen, lernen uns viel besser kennen“, erklärt Wittleder. Vorher hätten die meisten Kollegen eigentlich nicht viel voneinander gewusst. Das sei nun wegen der sehr persönlichen Gespräche ganz anders. Die suchten sie auch zu den Streikbrechern – mal mehr, mal weniger erfolgreich. Einige von ihnen sagten, das mache doch alles keinen Sinn. „Das sehen wir anders. Mit einem Tarifvertrag könnten alle befriedet und mit klaren Strukturen ihre Arbeit machen – wir machen deshalb weiter. Zur Not Wochen oder sogar Monate.“ Daran könnten auch die drei Abmahnungen der vergangenen Tage nichts ändern – obwohl die Betroffenen sie nicht nachvollziehen könnten.

Der Neupack-Streik im Verlauf

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