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Rassistische Wirklichkeiten

1. Juli 2011 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Antirassismus | Asyl

Fachbuch von Petersen/Six über "Stereotype, Vorurteile, soziale Diskriminierung"
Rassistische Wirklichkeiten
Von Markus Omar Braun

Nazis sind Rassisten, zugegeben. Der Ku-Klux-Klan, das sind auch Rassisten, zugegeben. Deutsche Politiker vom rechten Rand, z.B. Sarrazin, vielleicht auch, zugegeben. Aber manchmal übertreiben die Schwarzen und Farbigen, nicht wahr, wenn sie sich über Rassismus beschweren!? Und Quotenschwarze wollen "wir" schon gar nicht! In Deutschland brauchen wir das auch gar nicht. So weit der Text, so weit ist er wohl selber rassistisch. "Symbolischer Rassismus" lautet der einschlägige Begriff.

 
Alle wissen, dass Rassismus "out" ist
 
Im symbolischen Rassismus handelt es sich um eine Form der Ablehnung "andersfarbiger" oder anders markierter "andersartiger" Gruppen, welche die gesellschaftliche Rassismuskritik reflektiert. Und in der Tat ist im 21. Jahrhundert in den Nationen des Westens wohl nicht mehr mit "urwüchsigem" Rassismus zu rechnen. Fast jedem Menschen wird im Laufe seines Aufwachsens einmal der problematische Charakter "gruppenbezogener Menschenfeind-lichkeit" beigebracht, ob er will oder nicht. Selbst die heutigen Neo-Nazis haben ihre aggressiven Formen des Rassismus im Reflex auf die gesellschaftliche Realität und ihre Diskurse und auch die darin enthaltene Stigmatisierung aggressiven Rassismus' gebildet. Rassismus erscheint also häufig in Formen, die die gesellschaftlichen Diskurse zum Thema Rassismus reflektieren. Als wissenschaftliche Antwort auf dieses eigenartige Phänomen hat David Sears, ein US-amerikanischer Sozialpsychologe, mit anderen den Begriff des "Symbolischen Rassismus" geprägt. (1)
 
Rassismus ist "out"? Denkste!
 
Sears und die mit ihm forschenden Kollegen haben sich, wie könnte es anders sein, mit dem sich verändernden Charakter des Rassismus gegenüber Afro-Amerikanern befasst. Sie konnten ein Profil feststellen, das auch jedem Deutschen zu denken geben sollte. Denn verdeckter Antisemitismus, aber auch Vorbehalte gegen Sinti und Roma und neuerdings gegen Menschen mit muslimischem Kulturhintergrund kleiden sich häufig in ähnliche Formen. Bezogen z.B. auf Juden lautet die paradoxe Botschaft, dass "die" Juden ja gar nicht mehr wie unter der Naziherrschaft verfolgt würden (richtig), also nicht Opfer von Rassismus seien (Fehlschluss), also "sie" die Behauptung vom Antisemitismus in Deutschland nur kultivierten (verschwörungstheoretischer Fehlschluss), um materielle Vorteile zu kassieren, die sie ja aufgrund ihrer "Leistung" gar nicht verdienten (paradoxes Endresultat).
 
Die (Juden, Schwarzen etc.) sind selber schuld!
 
In der Denkweise des symbolischen Rassisten zeigt die Diskussion um die Diskriminierung der Schwarzen in Wahrheit deren Andersartigkeit, sogar Minderwertigkeit. "Hier werden nicht Schwarze diskriminiert, sondern Weiße!", ist demnach ein entsprechender rassistischer Kampfruf. In Deutschland hat tragischerweise ein Publizist jüdischer Konfession diesen Topos (bezogen auf Muslime) zum Buchtitel gemacht: "Hurra, wir kapitulieren!" Hier sieht man den symbolischen Rassismus beim Umkippen in die Form des "Jetzt reicht's! Genug ist genug!" oder, nur scheinbar ein wenig moderater: "Man wird doch noch einmal sagen dürfen!" Allen Stufen gemeinsam: die Leugnung des praktischen Rassismus und der Diskriminierung der markierten Gruppe. Wenn Mitglieder dieser Opfergruppe nun auf die rassistische Wirklichkeit hinweisen, entlarvt die Gruppe damit in der Meinung des Rassisten, dass sie die rassistische Ablehnung verdient hat. Womit das Paradox komplett wäre.
 
Psychologie: Vom "uga-uga!" im Menschen?
 
Logik hat Rassisten ja noch nie gestört. Rassismus ist zwar auch eine Form des Denkens, residiert aber primär nicht dort. Überhaupt kann man aus den Forschungsergebnissen der modernen Psychologie unmissverständlich erfahren, dass die Bedeutung des bewussten Denkens für das Alltagshandeln maßlos überschätzt wird. Das im modernen Gattungsnamen homo sapiens ausgedrückte Menschenbild entstammt der Aufklärung und dem ihr folgenden Idealismus. Homo sapiens: der wissende Mensch. Im Bezug auf das Handeln hieße das: der bewusst kontrollierte Mensch. Nun sollte jeder mit ein wenig Lebenserfahrung und Bildung wissen, dass Menschen alles andere als bewusst kontrolliert handelnde Wesen sind.
 
Gar kein rassistischer Hintergrund?
 
Im Falle des polizeilichen Todesschusses auf Christy Schwundeck jetzt im Mai 2011 in Frankfurt, aber auch im Bezug auf die gefährliche Verletzung von Elwy Okaz durch einen Polizisten im Jahre 2009 in Dresden, ist die Feststellung, hier sei wohl auch Rassismus auf Seiten der Polizei mit im Spiel gewesen, beide Male heftigst zurückgewiesen worden. (2) Dabei meinen diejenigen, die hier, meist empört, die betroffenen Beamten verteidigen, es sei diesen jeweils ein bewusster rassistischer Angriff auf die dunkelhäutige Person unterstellt worden. Dies wäre natürlich, besonders wenn man die jeweiligen Akteure nicht persönlich kennt, nicht nur ein unfreundlicher, sondern ein regelrecht verleumderischer Akt. Die Problematik liegt in einem anderen Bereich: Ein Polizist, der einer angegriffenen Person mit Waffeneinsatz zur Hilfe eilt, denkt in diesem Moment nicht tiefer über sein Handeln nach. Da Reflexion für sein schnelles effektives Eingreifen in diesem Moment eher hinderlich wäre, verunmöglicht sein Körper ihm diese einfach und schaltet dementsprechend manche Hirnteile einfach ab. Der Mensch arbeitet in solcher Notlage daher nur noch mit den tieferen, "tierischen" Hirnschichten und reproduziert reflexartig fertig konditionierte Fähigkeiten.
 
Enthüller des unbewussten Rassismus: IAT
 
Im Unbewussten des Konditionierten ist aber so mancher Müll aus unserer Sozialisation verborgen: Rassismus, Ressentiments, die Identifikation von Hautfarben mit Tätergruppen und ähnlicher Unsinn. Dank moderner experimenteller Psychologie müssen wir aber nicht auf Extremsituationen warten oder einen Vollrausch erzeugen, um an diese tieferen Schichten heranzukommen. Man kann stattdessen beispielsweise auch einen "impliziten Assoziationstest" (IAT) durchführen. Dabei misst und nutzt die Versuchsanordnung, kurz und grob gesagt, die Millisekunden, die man zum gedanklichen "Springen" von einem Thema zum anderen benötigt. Ein Rassist nun muss von "Farbiger" zu "Krimineller" kaum springen, von "Farbiger" zu "Akademiker" oder einfach "gut" dagegen viel weiter springen, messbar weiter. Bei den natürlich viel genauer ausgefeilten IAT-Verfahren ist es für den Probanden praktisch unmöglich, zu betrügen oder seine Konditionierung zu "zensieren". Weiße Antirassismus-Aktivisten haben durch einen solchen Test beispielsweise häufiger feststellen müssen, dass auch sie an "Aversivem Rassismus" gegen Schwarze litten.
 
Wissen ist Macht, etwas zu verändern
 
Alle genannten Beispiele, der "Implizite Assoziationstest" IAT, wie "Symbolischer" bzw. "Aversiver Rassismus", werden im exzellenten Sammelband "Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung", herausgegeben von Lars Eric Petersen und Bernd Six, behandelt. (3) Man findet dort auch das Beispiel einer deutschen Probandin des IAT, die erschüttert erkennen musste: "Es ist viel schwerer in der Kombination türkisch-gut als in türkisch-schlecht. Ich weiss, dass ich Vorurteile gegen Türken habe, und habe immer dagegen angekämpft, aber offenbar kann ich gar nichts dagegen tun..." Letzterem Schluss wird man nach Lektüre von Petersen/Six nicht zustimmen, Gott sei Dank. Dennoch gebührt dieser Frau unser Respekt, weil sie den Test zugleich als Mittel der Selbsterkenntnis genutzt und damit den Zustand der Verleugnung und Verdrängung hier überwunden hat. Diesen Lernschritt muss aber nicht nur diese einzelne Person tätigen, sondern   unsere ganze "weiße" "abendländische" "westliche" Gesellschaft. Wenn uns das friedliche Zusammenleben der Menschen in einem Europa der Zukunft etwas bedeutet.
 
Kritik ohne Substanz ist nur Meckern
 
Der vorliegende Sammelband von Petersen/Six wäre nun für interessierte Entscheidungsträger und Multiplikatoren (also auch alle Aktivisten und Antirassisten) ein probates Mittel, ihre Verantwortung in einem solchen gesellschaftlichen Lernprozess wahrnehmen zu können. Zu seinem Verständnis mag eine gewisse Grundbildung in Allgemeiner Psychologie sich als hilfreich oder im Einzelfalle gar notwendig erweisen. Diese kann der Band nicht selber leisten, man müsste also auf gute Standardliteratur zurückgreifen. (4) Deren Kauf und/oder Nutzung sollte aber nicht davon abhalten, auch gleichzeitig das Spezialwerk von Petersen/Six zu erwerben: Hier findet sich in Breite und Tiefe soviel an sozialpsychologischem Fachwissen zum Thema Rassismus nachzulesen wie sonst wohl nirgendwo zurzeit auf Deutsch. Die Benutzung des Bandes (nicht nur) als Lehrbuch wie als Nachschlagewerk wird durch mehrere Merkmale erleichtert und ermöglicht. Positiv zu erwähnen wären hier u.a. die Abgeschlossenheit der Kapitel als Einzelartikel, die sehr gute systematische Gliederung, aber auch der hervorragende Apparat mit eigenem Inhaltsverzeichnis der zitierten Untersuchungen und zwei Registern
 
Rassismus "Schwarz auf Weiss"
 
Für jeden, der Deutschland, wie es ist, kennenlernen möchte, lohnt es sich "Schwarz auf Weiss" von Günter Wallraff zu sehen, wenn er oder sie den Film nicht schon kennt. Wallraff wird darin zum "Schwarzen" geschminkt und erlebt so Deutschland, Ost und West, von einer nicht so lustigen Seite. (5) Nach dem "Genuss" des Wallraff-Films weiß man, warum Christy Schwundeck in Frankfurt wahrscheinlich Opfer von Rassismus wurde. (6) Nach der Lektüre des Fachbuches von Petersen/Six auch. Letztere hilft aber auch, aktiv zu werden und an der praktischen Beseitigung von Rassismus mitzuhelfen, überhaupt mithelfen zu können. (PK)
  
 
(1) Vgl. den interessanten Wikipedia-Artikel: http://en.wikipedia.org/wiki/Symbolic_racism .
Eine kurze Vita von Sears: http://sears.socialpsychology.org/ .
Die Publikationen seines Kollegen P.J.Henry zum Thema:
 
(2) Vgl. den Artikel "Rassismus tötet": http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16668 .
Hier findet auch unter den Anmerkungen (1) und (2) Hinweise auf Artikel zu den angegebenen Fällen Christy Schwundeck und Elwy Okaz.
 
(3) Lars-Eric Petersen u. Bernd Six (Hrsg.): Stereotype, Vorurteile und soziale Diskriminierung. Theorien, Befunde und Interventionen. Beltz Verlag, Weinheim/Basel, 2008, 34,95 Euro.
Teile des Buches sind vom Verlag auf Google-Books zur Einsicht hochgeladen worden:
Die Daten des Buches nach Libri (zur Bestellung beim kleinen Buchhändler, viele deutsche Bücher sind so in der Regel bis zum nächsten Werktag lieferbar):
 
(4) Zum Beispiel das einfache und lehrreiche Grundlehrbuch des US-amerikanischen Sozialpsychologen Zimbardo, seit mehreren Auflagen zusammen mit seinem Kollegen Gerrig herausgegeben: Richard Gerrig, Philip Zimbardo, Psychologie, 18. aktualisierte Auflage, Pearson, München 2008, 49,95 Euro. Das Buch auf der Website des Verlages:
Die Companion-Website des Buches für Studenten:
http://www.pearson-studium.de/main/main.asp?page=booksites%2Fselectchapter&isbn=9783827372758&PSZielgruppe=Student&TOKEN={BE950AA6-7066-4CE7-9E71-4E42EFD311BA}&SID={C22BEAC6-7A95-4CD6-B09C-63E79840806F} .
Das Buch bei Libri:
 
(5) Zur Zeit zum Beispiel auf youtube unter: http://www.youtube.com/watch?v=1jI5ya-UtYI .
 
(6) Vgl. auch den Artikel der Neuen Rheinischen Zeitung:
http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16655 .


Der Autor, Jg. '67, Muslim seit 1999 (praktizierend), Dipl.Math., lebt zur Zeit in Frankfurt am Main



Quelle: Neue Rheinische Zeitung (NRhZ.de) Online-Flyer Nr. 308  vom 29.06.2011

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