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Rede DGB/ver.di auf der Demo Bildungsstreik-SFA Mi. 9.6.10 in Walsrode

9. Juni 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Bildung

                                                                                                                                                                                                           bdw2010.jpg 
Demo Bildungsstreik- Mi. 9.6.10 in Walsrode -  H-D Charly Braun / DGB-Regionsvorstand, ver.di-Fachbereichs-Bez.Vorstand Bildung, langjährig im IGS-Schulelternratsvorstand und Kita-Landeselternvertretung

- es gilt das gesprochene Wort -
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Liebe Freundinnen und Freunde einer guten und vom Geldbeutel unabhängigen Bildung,

erstmal solidarische Grüße aus den Gewerkschaften, vom DGB-Regions- und Kreisvorstand und vom ver.di-Bezirksvorstand des Fachbereich Bildung und von ver.di überhaupt.

Wie schlecht, überholt und unsozial die gesetzlich-finanziellen Rahmenbedingungen sind, erlebe ich seit vielen Jahren sehr direkt. In der Jugend- und Erwachsenenbildung arbeiten die meisten meiner KollegInnen auf äußerst unsicherer Honorarbasis, zunehmend viele versuchen durch ehrenamtliche Arbeit die eigenen Chancen auf einen bezahlten Job zu erhöhen.


Auf Honorarbasis, als Aushilfe und ehrenamtlich arbeiten, hält immer mehr Einzug in Kitas und Schulen:  Brötchen schmieren, Schularbeitshilfe, Außenbereiche der Kitas und Schulhöfe gestalten, Klassenräume streichen und mit Fördervereinen immerzu Spenden sammeln.


Die PolitikerInnen reden sich seit einigen Jahren die Münder fusselig. Was sie alles Tolles fordern, wollen, versuchen und für nötig halten - Das Blaue vom Himmel kommt bei uns auf der Erde, wenn überhaupt, dann nur als Unwetterkatastrophe, NEIN, als Bildungskatastrophe an.


 

Ich war 11 Jahre lang, bis vor Kurzem, in Schulelternratsvorständen von Grundschule und IGS tätig und ich war als Kita-Landeselternvertreter fürs erfolgreiche Volksbegehren zum Kita-Gesetz verantwortlich. 

Neben allen Unzulänglichkeiten die tagein tagaus die Landesregierung bescherte, blieb der Kampf gegen Unterrichtsausfall eine Daueraufgabe. Solange 100 % Unterrichtsversorgung heißt, dass niemand krank werden, keine Fortbildung machen und keine Prüfungen abnehmen darf, solange ist Stundenausfall vorprogrammiert. Bereits beim quantitativen Test, bekommt die Regierung ein totales "Ungenügend". 

Und bei der Qualität ist die Mängelliste unendlich.  Das ist nicht zu beheben  durch Verlängerung der Lehrkraft-Arbeitszeit, durch Zentralprüfungen und landesweite Vergleichstests oder durch Umwandlung der Schulen zu Unternehmen, die selbst LeiharbeiterInnen einstellen können.

Zur Prüferei nur diesen Kommentar: "Durch ständiges Wiegen wird das Schwein nicht fetter."


 

Vorgestern verkündete Kanzlerin Merkel "Die fetten Jahre sind vorbei".

Das soll wohl heißen, dass Kinder von HARTZ 4 - Abhängigen künftig schneller am Bildungshunger  - verhungern. Sie verhieß zwar, dass ihr Sparpaket nicht die Bildung beträfe, aber der Diebstahl des Elterngeldes und andere schwarz-gelbe Ideen zur Erwerbslosen-Verarmung werden auch bei Bildung negativ einschlagen. Ständiger Geldmangel-Streß ums nackte Überleben (Miete, Essen, Kleidung) schafft eine bildungsfeindliche Atmosphäre. 

Wie bei anderen Armen und Geringverdienenden ist die Teilhabe der Kinder an so manchen selbstverständlichen und notwendigen Aktivitäten in Kitas und Schulen ausgeschlossen.


Solche bildungspolitischen Kollateralschäden fordern unseren Widerstand heraus.

Aber es sind keine Kollateralschäden, da steckt System dahinter. Wie anders ist es zu erklären, dass die Abiturquote auf dem Land geringer ist, als in den Großstädten ? Warum erreichen in Deutschland so ausgesprochen wenige Kinder von Nicht-Akademikern Abitur und Studium ?
3 Antworten dazu:
- nach der OECD-Studie 2009 liegt Deutschland bei Bildungsinvestitionen ziemlich hinten im internationalen Vergleich.
- im Gegensatz zu allen wissenschaftlichen und leicht einsichtigen Erkenntnissen, halten die meisten Bundesländer krampfhaft am 4-gliedrigen Schulsystem fest und neue IGS'sen versucht die Regierung Wulff mit allen Mitteln verhindern.
- die Verbindung von Theorie und Praxis und selbstbestimmtes Lernen ist immer noch die Ausnahme

Qualität und Quantität der Bildung lassen von den Kitas bis zu den Unis viele Wünsche unerfüllt.   
Ich aber sage euch: Bildung ist kein Ungeheuer, weder Scheiße noch zu teuer !

Alle reden von frühkindlicher Bildung. Aber die politische Realität arbeitet all den Anstrengungen der sozialpädagogischen Fachkräfte entgegen. Statt die 25er Gruppen endlich zu verkleinern, werden gern Gesetzeslücken genutzt um noch mehr Kinder reinzustecken. Noch immer gilt das Modell-Kommunegesetz, wonach einige Gemeinden alle Mindeststandards ausser Kraft setzen dürfen. Ungestraft dürfen Kita-Räume auf KZ-Huhn-Standard zurückgeschraubt werden. Das gesetzliche Ziel zur Einrichtung von Krippen kommt nur im Schneckentempo voran. Die gebeutelten Kommunen sind so pleite, 
dass sie eher Roland Kochs asozialen Träumen folgen und gar noch Kita-Elternbeiträge erhöhen, statt sie endlich abzuschaffen. 

Hier beginnt Bildung zum Luxusgut zu werden!

Wenn's dann später um höhere Bildung geht, müssen Eltern dafür einen steilen Fels erklimmen. Wer kein Geld für die Bergausrüstung hat, wagt sich nicht hinauf oder stürzt leicht wieder ab.
Der Gipfel ist, ohne Umwege, nur für jene erreichbar, die eine Elite-Förderung von Staat oder Konzernen bekommen.

Das 3- bis 4-geteilte Schulsystem:
Weil es alle wissen, dass HauptschülerInnen kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, bluten Hauptschulen aus. Weil es sich herumgesprochen hat, dass eine möglichst lange gemeinsame Beschulung von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft und Bildungsstärke - allen,  ja allen - das Meiste bringt, ist der Run auf IGS'sen und der Kampf um IGS'sen so groß. 
Der Vorsitzende des Niedersächsischen Landkreistages, Landrat Bernhard Reuter, meint dazu:  "Wenn in .Regionen weder Hauptschulen noch Realschulen breite Zustimmung erfahren, warum sollen nicht Gesamtschulen an ihre Stelle treten können?"

Also lasst uns Druck machen auf die Landesregierung. Nutzt dazu auch das Volksbegehren.

Ehrgeizig wollen die Regierenden den Wirtschaftsstandort Deutschland durch hohe Elitebildung und Ausbildung von Fachidioten retten. In Schule und Hochschule schnell durchpauken, ohne einen Blick für die soziale Welt oder die eigene sozial-gesicherte Zukunft zu riskieren.

Zunehmend werden die Lehr- und Lerninhalte dem Bertelsmann-Konzern überlassen. Ihr DemonstrantInnenvolk, kapiert doch endlich:
       Unser Bildungssystem muß endlich den globalen und unsozialen Marktinteressen untergeordnet werden. Den Regenbogen-Kindergarten nennen wir um in Monsanto- oder Nestle-Kita, das Wirtschaftsgymnasium kriegt den blauen Balken der Deutschen Bank auf jeden Schultisch gebügelt, während alle Haupt- und Förderschulen die aussichtsreichen Namen "HARTZ4 bis 8" bekommen.  Die Bildungsinhalte sind den Wirtschaftsinteressen lebensnah anzupassen. Ab sofort gestalten den Biologieunterricht McDonalds und Eckes. Lehraufträge für Mumm und Rotkäppchen stören da nur. Chemie macht DOW-Chemical,  Physik die Auto- und Rüstungsindustrie, Erdkunde teilen sich TUI und Bundeswehr. Für Politik und Geschichte sind BILD, SPIEGEL und Jägermeister zuständig, schließlich muß auch was vernebelt werden.
Deutsche Bildung steigt im Ranking höher, wenn die alt-68er-Ressentiments beseitigt werden. Blechschilder wie "Umweltschule" oder "Schule gegen Rassismus" müssen sofort ersetzt werden durch "Globalisierungsschule", "Hindukusch-Helikopter-Schule" und "Atomenergische Strahlen-Schule". 

Ihr sagt, das reicht ?!    Mir reicht es schon lange.
Das beste, was wir Alten für euch junge tun können, ist vorbildlich im Handeln sein, so wie es jene tun,
- die in Rodewald um den Erhalt des zweiten Kindergartens kämpfen, um nicht 10 km Anfahrt zu haben
- die gegen die Scheeßeler Ratsmehrheit für den Erhalt des Kindergartens in Westerholz streiten
- die von DOW-WOLFF-CELLULOSICS statt sozial-demagogischer Bildungs-Spenden, die Zahlung der ganzen Gewerbesteuer an die Gemeinde Bomlitz fordern.
- die als ErzieherInnen in Schwarmstedt und Soltau sich den illegalen Drohungen und Streikverboten widersetzten und im letzten Sommer einen Tarifvertrag zum Gesundheitsschutz durchsetzten
- die als junge GewerkschafterInnen in den Betrieben gegen den Abbau von Ausbildungsplätzen und für Übernahme-Verträge kämpfen.
- die als beamtete Lehrkräfte gegen den Bildungsabbau in Schleswig-Holstein und heute hier in Walsrode auf der Straße sind.

Wer keine reichen Eltern hat, für die und den gilt:  Holen wir uns das notwenige Geld von den regierungsverschonten Banken und Konzernen. Tun wir es nicht mit der Nagelschere, sondern mit dem Stärksten das wir haben, mit sozialen und solidarischen Aktionen.  Kommt am Samstag 12.6.10 zur landeszentralen Bildungs-Demo nach Hannover !

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