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Rockerclubs suchen Nachwuchs unter Jugendlichen

29. Dezember 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Hells Angels & Neonazis



Unter kriminellen Jugendelichen genießen die Rocker-Banden hohes Ansehen. Sie drohen sich untereinander schon mal damit, die Hells Angels zu holen – wer dazu gehört, gilt als unantastbar.

Berlin/Potsdam - Ein Durchmarsch sei das Jahr 2010 gewesen. „Die Hells Angels sind zurück, es ist ein richtiger Hype“, sagt der Rocker, Anfang 30, in einer Köpenicker Kneipe, nennen wir ihn Rick. Nachdem die Hells Angels zunehmend Rocker anderer Bruderschaften abgeworben oder verdrängt haben, sieht man das nicht nur unter Polizisten so. Sozialarbeiter berichten von einem Rockerkult unter Jugendlichen.

„Seit dem Rockerkrieg 2009/2010 drohen sich Jugendliche untereinander schon mal damit, die Hells Angels zu holen“, berichtet ein Streetworker aus Lichtenberg. Vergangenes Jahr gab es bei Revierstreitigkeiten im Milieu bundesweit drei tote Rocker.

Einer wurde in Hohenschönhausen erschossen. Der 33-Jährige habe die Hells Angels verlassen, hieß es, und sich mit den konkurrierenden Bandidos getroffen. Mit Kontakten zu Letzteren kokettieren inzwischen halbwüchsige Machos in Wedding und Tiergarten, was an der rockerinternen Aufteilung der Stadt liegt: Während das aktivste Charter – also die lokale Truppe – der Hells Angels in Hohenschönhausen residiert, haben die Bandidos ihre Vereinsheime in den eher von Einwandererfamilien geprägten Kiezen im Westen. „Bemüht sich ein 21-jähriger Türke um Aufnahme bei den Rockern, wollen es ihm seine jüngeren Brüder gleichtun“, erzählt eine Sozialarbeiterin. „Es reicht schon, dass einem Heranwachsenden nachgesagt wird, er habe Kontakte zu Rockern, und er wird von anderen Jungs in Ruhe gelassen.“

Ermittler bestätigen, dass Hells Angels und Bandidos derzeit expandieren und für Hilfsdienste auf junge Fans zurückgreifen. Inzwischen gibt es im „Rahmen der allgemeinen Präventionsarbeit entsprechende Gespräche mit Sozialarbeitern von Jugendklubs“, heißt es von der Polizei. Häufig würden 18- bis 21-jährige den Mythos zu schätzen wissen, der sie in den Augen anderer Jugendbanden unantastbar macht, sagt ein Kenner. „Mittelfristig sollen solche Jungs bestimmte Läden im Auge behalten und Lieferdienste machen, später dürfen sie Türsteherjobs übernehmen.“ Rocker versuchen sich oft als Türsteher lukrativer Bars – auch weil sie als Einlasser bestimmen, welche Geschäfte dahinter stattfinden. Die Polizei spricht von Schutzgeld, Drogen und Waffen, was von den Bruderschaften bestritten wird. Fakt ist, Rocker gelten unter Heranwachsenden als cool.

„Anfangs dachte ich, dass sei leeres Imponiergehabe, bis die ersten als Hangarounds zu erkennen waren“, berichtet ein Sozialarbeiter. Hangaround ist die erste Stufe in der Rockerhierarchie. Wer sich durch Gehorsam bewiesen hat, wird zum Prospect und damit ernsthafter Anwärter auf die Vollmitgliedschaft. Meist darf er die Kutte der jeweiligen Bruderschaft tragen, wobei er auf der Lederweste als Prospect gekennzeichnet ist. Ehe jemand Vollmitglied wird, vergehen oft Jahre voller Loyalitätsbeweise.

Außer man ist stadtbekannter Intensivtäter. So soll der 28-jährige Nidal R., der unter dem Namen „Mahmoud“ bekannt geworden war, nach seiner Haftentlassung vor zwei Monaten gleich beim deutsch-türkischen Hells Angels Charter in Reinickendorf eingestiegen sein. R. gehört einer einschlägig bekannten arabischen Familie an. Im November wurde er von Männern eines anderen Clans in Neukölln angeschossen – die sich dem Vernehmen nach den Bandidos anschließen wollen. „Verbindungen zwischen kriminellen Mitgliedern von Großfamilien und Strukturen der Rockergruppen sind bekannt“, heißt es von der Polizei.

Offen ist, ob die Rocker wegen der Streitigkeiten arabischer Clans wieder in den Krieg ziehen. Erst dieses Jahr sind Grenzen im Milieu neu gezogen worden. Sicherheitsexperten sprachen von einer Übernahmeschlacht. Sie berichten, dass die Hells Angels mit ihren drei Chartern inzwischen Berlins Rockerszene dominieren. Ihnen hatte sich im Februar eine von Türken dominierte Berliner Sektion der Bandidos angeschlossen, der nun auch Nidal R. angehören könnte. Nachdem Hells Angels und Bandidos im Juni in Hannover einen Friedenspakt unterzeichnet hatten, war Ruhe zwischen den Erzfeinden eingekehrt. In dem Papier heißt es, die Klubs werben einander keine Mitglieder ab.

Und so konzentrierten sich die Hells Angels auf die dritte relevante Rockergruppe in der Region: Männer des Gremium MC hatten sich vor wenigen Wochen den Hells Angels angeschlossen. Auch der Potsdamer Gremium-Ableger hat offenbar aufgegeben. Und in Köpenick – fußläufig von einem Gremium-Treffpunkt entfernt – hat ein ranghoher Hells Angel ein Café aufgemacht. Der Polizei ist der Laden bekannt.

In Justizkreisen macht derzeit noch etwas anderes die Runde: Huren in Bordellen, die den Hells Angels zugerechnet werden, sollen sich bei den Rockern gemeldet haben, wenn sie bei einem Freier ein tätowiertes Logo des Klubs entdecken. Die Angels rückten an und überprüften, ob der Mann tatsächlich Mitglied sei. Weil ein Hells-Angels-Logo offenbar Respekt erzeuge, tauche es zuweilen bei „völlig harmlosen Prolls“ auf, die dann damit leben müssten, dass die richtigen Rocker das Tattoo entfernten. Rick zuckt mit den Schultern. „Verständlich, ich benutze auch keine Polizeimarke, das wäre anmaßend.“

 Quelle: Tagesspiegel, 29.12.2010

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