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Rolf Hochhuth: «Kampfschriften» und «Libido-Lyrik»

3. Mai 2011 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Literatur | Zeitschriften | Ausstellungen

Rolf Hochhuth

Rolf Hochhuth (Foto: dpa)

BERLIN / dpa Der gerade 80 Jahre alt gewordene Schriftsteller Rolf Hochhuth wehrt sich vehement dagegen, ins «moderne Antiquariat» verbannt zu werden und auf dem «Verlegerfriedhof» zu landen.

Der Dramatiker, der im Nachkriegsdeutschland wie nur wenige gegen das Vergessen angeschrieben hat, will nichts wissen von dem sarkastischen Satz eines seiner beruflichen Vorgänger: «Was soll denn die Nation sich alles merken!»

Dass Hochhuth neben vielen Theaterstücken wie «Der Stellvertreter», «Soldaten» und «Wessis in Weimar» in den vergangenen Jahrzehnten auch als bemerkenswerter politischer und literarischer Essayist hervorgetreten ist, zeigt die jetzt erschienene Sammlung seiner Essays, Reden, Aufsätze und Kritiken auf über 1700 Seiten, angereichert mit einem neuen kleinen Theaterstück - «Der Fliehende Holländer» über den biblischen Ahasver und die «kriegerischen und sozialen Katastrophen des 20. Jahrhunderts» - sowie erotischen Gedichten, «Libido-Lyrik», wie Hochhuth sie nennt.


Außerdem offenbart Hochhuth nach fast 50 Jahren erstmals seine Quellen und Informanten zu seiner umstrittenen These, der polnische General und Chef der Exilregierung im Zweiten Weltkrieg, Wladyslaw Sikorski, sei mit Wissen oder sogar im Auftrag des britischen Premiers Winston Churchill bei einem Flugzeugabsturz in Gibraltar ums Leben gekommen.Der Herausgeber Dietrich Simon sieht in den Gedichten einen Ersatz für das Tagebuch, das Hochhuth nicht schreibt. Hochhuth selbst meint, «auch die Wahrheit ist erotisch» und schreibt in einem der Gedichte: «Der Greis lernt: Junge Schönheit allein hält produktiv!/Doch wehe ihm, samt den Modellen - wird das bekannt.» Enthalten ist im Sammelband auch der Briefwechsel mit Golo Mann, der Hochhuth einen «Fanatiker der Gerechtigkeit» nannte, und - erstmals - mit dem Philosophen Karl Jaspers, der «immer einen Schreck bekommt, wenn Sie allzu unbekümmert handeln und reden».

Der Herausgeber spricht von einer «bis heute gültigen Qualität und Brisanz der Texte» Hochhuths, der in den 60er Jahren zusammen mit anderen Autoren von einem Bundeskanzler als «Pinscher» beschimpft worden ist, weil er sich als «Dichter» auch politisch zu Wort meldete. Und in der Tat lesen sich viele Beiträge Hochhuths, auch wenn sie aus den damaligen Zeitumständen heraus entstanden sind, in vielen Fällen noch immer erstaunlich aktuell, jedenfalls alles andere als «verstaubt»: «Nazi ist einer von Natur, nicht von Partei. Der Nazi ist der Schweinehund in Jedermann - zu allen Zeiten, in allen Zonen.»

Der Leser sollte sich daher auch weder vom voluminösen Umfang dieser «Hochhuth-Bibel» noch vom nüchternen, eher an eine Doktorarbeit erinnernden Buchumschlag abschrecken lassen - er findet eine spannend zu lesende Textsammlung, die auch äußerst fesselnd ein Stück jüngere deutsche Zeitgeschichte lebendig wieder aufleben lässt.

Manchmal gehen Hochhuth die Pferde durch, wenn er in seinem «heiligen Zorn» gegen Theaterintendanten (die ihn zu wenig spielen), Kritiker («Nichtskönner» und «Kunstbeamte») oder die «Clique, die momentan regiert» (Merkels Kabinett) wettert, und auch die «moralische Verwerflichkeit, speziell unter Zeitungsleuten», in dieser Republik anprangert. Und der «asoziale Terror» von Hartz IV- Regelungen und Ähnliches, die «skandalösen Perversitäten der BRD», müsse «auf die Dauer Meuchelmörder unvermeidbar züchten».

Hochhuth hat sich stets gegen das Schlagwort vom «Dokumentationstheater» gewehrt, indem er gerne den von ihm verehrten Thomas Mann zitiert: «Man soll sich nichts ausdenken, sondern soll aus den Dingen etwas machen.» Aber Hochhuth weiß auch um den Preis seiner peniblen historischen Recherchearbeiten für seine Stücke, die den Vatikan, das britische Parlament sowie einen Bundeskanzler erregten und einem bundesdeutschen Ministerpräsidenten sogar seinen Posten gekostet haben.

«Wenn Lessing schrieb, der Dichter sei der Herr der Geschichte - ich habe mich stets als ihr Knecht gefühlt. Und das hat seinen Preis, den selbst Große bar zahlen mussten: je sklavischer man den Tatsachen der Historie Mitspracherecht auch im Kunstwerk einräumt, je verdrossener muss man mit Schiller seufzen: "Meine Geschichte hat viel Dichterkraft in mir verdorben."» Kritiker kreideten Hochhuth denn manchmal auch an, dass seine Theaterstücke zu «papieren, zu thesenhaft» geraten seien. Zu Hochhuths Theaterstücken gehören auch ergreifende Monologe wie «Effis Nacht». Jetzt schreibt er an einem neuen Stück über Marlene Dietrich.

Rolf Hochhuth: Essayistische Prosa und Gedichte, Hrsg. Dietrich Simon, Rowohlt Verlag, Reinbek, 1720 Seiten, 78,00 Euro, ISBN 978-3-498-03011-7

Erschienen: 03.05.2011 

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