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Trauermarsch der Geschichtsverdreher

28. Juli 2011 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - Norddeutschland

Aufmarsch in Bad Nenndorf zieht auch Neonazis aus dem Kreis an / Bündnis will Aufmarsch verhindern und informierte im Fla Fla

Herford (rab). "Mit etwa 1.000 Teilnehmern im Jahr 2010 hat sich der seit 2006 jährlich in Bad Nenndorf stattfindende Neonazi-Trauermarsch zu einem der wichtigsten Aufmärsche in Deutschland entwickelt", erklärte Jürgen Uebel bei Informationsveranstaltung im Jugendzentrum Fla Fla.

Mit Bildungsreferent Karsten Wilke vom AKE (Arbeitskreis Entwicklungspolitik)-Bildungswerk informierte er auf Einladung des Arbeitskreises Libertad über die Geschichte des Aufmarsches, das Verhörlager im Wincklerbad und über Neonazi-Strukturen in OWL.
Mit dem Verbot rechter Aufmärsche in der Nähe von Kriegsgräbern oder an Orten, die mit dem Holocaust in Verbindung stehen, durch das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2005, sei es für die Nazis nicht mehr möglich gewesen, in Wunsiedel ihre Rudolf-Heß-Gedenkmärsche zu organisieren, die zuletzt bis zu 4.000 Nazis aus Europa angezogen hatten. 

In diese Lücke stoßen die vom mehrfach vorbestraften Marcus Winter,initiierten Aufmärsche gegen das an Deutschen im Wincklerbad begangene vermeintliche Unrecht. Von 1945 bis 1947 betrieb der britische Geheimdienst dort ein Verhörlager, in dem zunächst NS-Verbrecher inhaftiert und befragt wurden, später mit dem beginnenden Kalten Krieg vor allem vermeintliche Kommunisten oder Sowjet-Spione. 

In Einzelfällen kam es zu Misshandlungen, die in mindestens drei Fällen zum Tod führten. "Diese nehmen die Geschichtsverdreher zum Anlass, aus den deutschen Tätern Opfer eines alliierten Unrechtsregimes zu machen", sagte Uebel. 

Pikantes Detail am Rande: ein Flugblatt, mit dem die Nazis für den Aufmarsch werben, zeige als Opfer alliierten Unrechts einen Kommunisten und einen Homosexuellen und sorge für entsprechenden Zoff in rechten Internet-Foren. "Vielleicht führt das dazu, dass weniger Nazis kommen", hofft Uebel.
In den fünf Jahren, in denen der bis zum Jahr 2030 angemeldete Aufmarsch bisher stattfand, sei die Teilnehmerzahl von 150 im Jahr 2006 auf zuletzt "knapp mehr als 1.000" gestiegen. 

Nachdem der Aufmarsch zunächst nur von wenigen Mitgliedern der Antifa beachtet wurde, formierte sich inzwischen das von Parteien, Kirchen, Jüdischer Gemeinde, Vereinen und Initiativen getragene Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt", das den Nazis mit Vuvuzelas, buntem Straßenschmuck, Straßenmalerei und Kulturaktivitäten den Spaß am Aufmarsch dauerhaft vermiesen möchte. 

Rechtsextremismus-Experte Wilke erläuterte, dass der Aufmarsch vom Westfalen-Nord-Netzwerk getragen werde, einem Zusammenschluss "Freier Kameradschaften" und "Autonomer Nationalisten" aus Schaumburg, Gütersloh, Paderborn, Minden und Lippe. Darin seien um die 250 Neonazis organisiert, von denen er 70 zum harten Kern zähle. 

Dass das Netzwerk in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen aktiv ist, erschwere die Arbeit der Polizei. Der Bielefelder Staatsschutz berichtet von 40 Gedenkmarsch-Teilnehmern aus dem Raum OWL im Jahr 2010. Wilke setzt die Zahl mit 80 doppelt so hoch an. 
Ein Sprecher des AK Libertad schätzt das Potenzial reisefreudiger Rechtsextremer im Kreis auf mehr als 25. Allein 15 Rechtsextreme seien zum "Tag der deutschen Zukunft" am 4. Juni aus Herford nach Braunschweig aufgebrochen, weitere aus Enger, andere aus dem Raum Bünde und Rödinghausen. 

Uebel hofft, dass sich zahlreiche Nazi-Gegner am 6. August auf den Weg nach Bad Nenndorf machen. "Ideal wäre es, allein durch Masse den Aufmarsch unmöglich zu machen." Einig sei sich das Bündnis mit der Antifa im Maximalziel der Proteste: dem dauerhaften Verhindern des Nazi-Aufmarsches. 

´Utz Anhalt, Steffen Holz: Das verbotene Dorf. Das Verhörzentrum Wincklerbad der britischen Besatzungsmacht in Bad Nenndorf 1945 bis 1947, 198 Seiten, Offizin, ISBN 978-3-930345-90-8; 9,80 Euro.
Quelle: Neue Westfälische 27.07.2011

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