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Unheilvolles Gemisch

5. November 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Hells Angels & Neonazis

In Niedersachsen will ein Rocker mit rechtsextremem Hintergrund eine ehemalige Gaststätte nutzen.

Die kleine Kneipe nahe dem Stader Bahnhof scheint den Anhängern des Rockerclubs „Gremium MC“ zu gefallen. Meist am Freitag kehren sie in das Lokal „Zum Kupferkrug“ ein. Eine Zweiraumkneipe ohne Extraraum. In der niedersächsischen Region möchte sich der Rockerclub fest etablieren. Der „Kupferkrug“ dürfte nur eine Zwischenstammkneipe sein. Im nahen Hollern-Twielenfleth hat der Rocker und Rechtsextremist Sebastian Stöber die leer stehende Gaststätte „Zur Symphonie“ für den „MC“ erworben.

In der Region zwischen Stade und Tostedt scheint eine feste Szene zwischen kriminellen Rockern und militanten Neonazis zu entstehen. „Wir befürchten, dass sich bei uns eine Mischszene aus diesen Spektren etablieren könnte“, sagt Michael Quelle vom Bündnis „Stade stellt sich quer“. Eine Entwicklung, die am 17. Juni im Amtsgericht von Stade sichtbar wurde.

Zuschlag für die Immobilie erhalten

An jenem Donnerstag konnte Stöber, der aus der Tosteder Neonazi-Szene kommt, im Amtsgericht die ehemalige Gaststätte mit dem 8000 Quadratmeter großen Grundstück ersteigern. (bnr.de berichtete) Die Versteigerung hatte die Sparkasse Stade-Altes-Land angestrengt. Ein Gastronom, ein Bauunternehmer, ein Kaufmann und Privatleute hatten erfolglos für die Immobilie mitgeboten, in der auch mal eine Bäckerei war. Für 115 000 Euro gelang es Stöber, in Begleitung eines unbekannten Herrn, den Zuschlag zu erhalten.

Eine Vorwarnung an das Gericht oder der Bank von irgendeiner staatlichen Behörde, das ein Rocker mit rechtextremem Hintergrund Interesse an der Immobilie habe, gab es nicht. Im Gericht hielten sich die Herren über ihre Pläne selbst sehr zurück. Wortkarg sagte Stöbers Begleiter nur: Eine „gastronomische Nutzung“ sei geplant. Der „MC“, der wenig mit Biker-Romantik gemein hat, ließ später durchsickern, das Anwesen als Clubhaus nutzen zu wollen. Ganz offensichtlich wollte der Rockerclub die Sorgen vor einem möglichen „Neonazi-Zentrum“ ausräumen. Nach einem Gespräch mit dem Präsidenten des „Gremiums MC“ und Stöber erklärte der Leiter der Stader Polizei, Roland Bauer, dass die Rocker planen würden, sich bei Stade weiter fest zu verankern. Nicht ohne zu betonen, dem MC zu glauben, dass in der „Symphonie“ kein Neonazi-Zentrum eröffnet werde.

Im illegalen Betäubungsmittelhandel aktiv

Rocker oder Rechtsextreme? Nachbarn und Anwohner im Stader Umland beunruhigt beides. Zählt das Landeskriminalamt doch den „Gremium MC“ der organisierten Kriminalität zu, der im illegalen Betäubungsmittelhandel und Rotlichtgeschäft aktiv sein soll.

Im Oktober ging eine Spezialeinheit der Polizei im Kreis Cloppenburg gegen Mitglieder des MC vor, da sie ein illegales Leiharbeitergeschäft mit Großschlachtereien betrieben. 185 Mitglieder des „Gremium MCs“ sind den Behörden in Niedersachsen namentlich bekannt. In neun Chaptern, den örtlichen Gruppierungen, sind die Rocker organisiert. 2008 und 2009 war der Chapter in Brake und Stade entstanden. Mit dabei in Stade: Stöber, der längst den Status eines Prospects/Anwärter hat.

„Nicht bloß ein Mitläufer“

Doch kappte Stöber seine langjährigen Kontakte in die militanten rechte Szene gänzlich? Das „Stader Bündnis gegen Rechts“ ist vorsichtig. „Bei uns ist er kein Unbekannter, er ist auch nicht bloß ein Mitläufer“, betont Michael Quelle. Seit Jahren gehört Stöber der Neonazi-Szene um Stefan S. an, der den Szeneladen „Streetwear Tostedt“ unterhält.

In der nicht mal 50 Kilometer von Stade entfernten Gemeinde bestehen zwei militante Neonazi-Gruppen: „Gladiator Germania“ und „Nationaler Widerstand Tostedt“. Immer wieder haben in den vergangenen Monaten Szene-Anhänger Jugendliche angegriffen. Sie drangen sogar in Häuser und Wohnungen von Nazigegnern ein und schlugen brutal zu.

Eine Streitaxt auf der Brust

Stöber selbst zeigte sich längere Zeit gern mit dem Logo der „Gladiator“-Kameraden auf der Brust: einer Streitaxt. Passend zu diesem Chic ist auch die Philosophie: „Gladiatoren sind nie in der Lage gewesen, den Kampf zu verweigern.“ Vermummt und betont aggressiv stellt sich die Gruppe im Internet dar – Betreiber der Seite ist bis heute: Stöber. Der richtete schon 2001 sein erstes Rechtsrock-Konzert in der Region aus, dazu erschienen mehr als 500 Kameraden. 2009 trat Stöber für die NPD zur Bundestagswahl an.

Im niedersächsischen Landtag fragte die Fraktion „Die Linke“ unlängst nach, um die Entwicklung genauer einschätzen zu können. In der Antwort erklärte das Innenministerium, dass „keine Erkenntnisse über eine strukturierte Zusammenarbeit zwischen Rechtsextremen und Rocker in Niedersachsen“ vorliegen würden. Ohne ihn namentlich zu nennen, wird erwähnt, dass Stöber „derzeit nicht aktiver Angehöriger der rechtsextremen Szene“ sei. Zwei weitere Angehörige von „Gladiator Germania“ wären aber dem „Gremium MC“ beigetreten und hätten ebenso den Status eines Prospects. Schon vorher hatte die Sprecherin des Verfassungsschutzes, Maren Brandenburger, gegenüber der TAZ betont, dass der „Gremium MC“ bewusst versuche, Nachwuchs aus der rechtsextremen Szene zu rekrutieren. „Die Affinitäten sind ja gegeben“, sagte Brandenburger.

Lediglich kulturelle Nutzung erlaubt

In dem Stadter Bündnis werden so auch weitere Bewegungen zwischen beiden Szenen befürchtet. Quelle weiß, dass Rocker schon des Öfteren Rechtsextremisten in ihrem Clubhäusern Veranstaltungen ausrichten ließen: „Bei dieser Nähe auch kein unwahrscheinliches Szenario für die Symphonie“.

Auf die Schnelle wird Stöber dort auf dem Grundstück aber niemandem legal die Tür für Rocker-Partys oder Rechtsrock-Konzerte öffnen können. Der Rat der Gemeinde reagierte. Er verabschiedete einen Bebauungsplan, der lediglich eine kulturelle Nutzung der Immobilie erlaubt. Überdies beschlossen die Gemeinderäte eine „baurechtliche Veränderungssperre“. Die Nutzungserlaubnisse für eine Gaststätte und eine Bäckerei sind schon lange erloschen. Eine Wende, die Stöber wohl überraschte. Er hat Rechtsmittel eingelegt.

05. 11. 2010 - Andreas Speit

Quelle: bnr.de

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