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„Unpolitischer Charakter“? - Konzert im Gasthaus „Zur Blender Mühle“

5. Oktober 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Hells Angels & Neonazis

„Unpolitischer Charakter“

Rund 350 Besucher erschienen zu dem Konzert der Neonazi-Hoolband „Kategorie C – Hungrige Wölfe“, das am Samstagabend in einem Gasthaus in Blender im Landkreis Verden stattfand.

Photo: Otto Belina

„Nah-Kampf, Nah-Kampf“ grölten die glatzköpfigen Gäste doppeldeutig. Schwitzend, mit freiem Oberkörper, tanzten sie zur Musik der rechten Hooligan-Band „Kategorie C – Hungrige Wölfe“ (KC) aus Bremen, die als politische Schnittstelle zwischen Neonazis und gewaltbereiten Fußballfans gilt. Das konspirativ organisierte Konzert fand an der Landesstraße 203 im Gasthaus „Zur Blender Mühle“ im Landkreis Verden statt.

Die rund 350 Gäste stammten aus dem Hooligan-Milieu, der NPD in Verden, der norddeutschen Kameradschaftsszene und aus dem Umfeld des Westside-Charter der Hells Angels. Sie kamen unter anderem aus Ueckermünde, Parchim, Brandenburg, Bochum, Ratzeburg, Winsen/Luhe, Cuxhaven, Rotenburg, Diepholz, Bremen und Bielefeld angereist. Als Organisator des braunen Events erschien neben Kategorie C-Sänger Hannes Ostendorf, der sich und seine Band als „Staatsfeind Nr. 1“ sieht, vor allem Stefan S. aus Tostedt, auf dessen T-Shirt „KC Security Bremen 2010“ stand.

Feiern trotz „Konzerterlass“ der Landregierung

S. betreibt den Streatwear Tostedt, „Norddeutschlands größter Szeneladen“ und gilt als Anführer der als äußerst gewaltbereit geltenden Kameradschaft vor Ort. Nebenher soll er für die Organisation von Rechtsrock-Konzerten in Niedersachsen verantwortlich sein. Wenn Neonazis Gesetzestreue vorgaukeln, dann gelingt es ihnen immer wieder trotz „Konzerterlasses“ der Landesregierung ungestört feiern zu können. So fanden allein in Niedersachsen im letzten Monat zwei einschlägige Veranstaltungen mit mehreren hunderten Teilnehmern statt.

Ursprünglich schien das KC-Konzert für die Hansestadt geplant zu sein. Dann wurde scheinbar nach Blender umdisponiert. Während Anhänger der Hooligangruppen „Standarte 88 Bremen“ und „Nordsturm Brema“ noch das Fußballspiel zwischen Werder Bremen und dem Hamburger Sportverein abwarteten, reisten bereits zahlreiche Gäste zum Veranstaltungsort an. Mit „Ha-ho-he – Kategorie C“- Rufen und viel Bier brachten sie sich in Form.

„Nahkampf“ und „Standarte 88“

Viele Fans der neonazistischen Hooliganband KC trugen auch Shirts mit der Aufschrift „Nahkampf“. Das ist der Name einer 1989 in Bremen gegründeten Untergrundband, die dem 2000 verbotenen Netzwerk „Blood&Honour“ nahe stand. Mit einem Lied war die getarnt auftretende Band auf einer der „Schulhof“-CDs für Kinder vertreten. Ostendorf, der für Experten als Sänger von „Nahkampf“ galt, betont als KC-Sänger immer wieder deren „unpolitischen“ Charakter mit dem Hooligan-Schlachtruf „Sport frei!“ Doch auch KC-Konzerte stoßen im gesamten Bundesgebiet auf breite Proteste, zuletzt musste ein geplanter Auftritt in Österreich daher abgesagt werden.

Der politische Hintergrund der Band dringt immer wieder durch, nicht zuletzt durch die auch in Blender immer wieder erschallten Rufe wie „ACAB“-Rufe (All Cops are Bastards) oder „Hasta la Vista Antifascista“. Besonders die rechte Hoolgruppe „Standarte 88 Bremen“ wurde während des Konzertes gewürdigt, zu deren führenden Aktivisten werden Ostendorf und sein älterer Bruder gezählt. Deren Kontakte reichen in der Hansestadt insbesondere ins Türsteher- und Rockermilieu.

Der Vermieter des Lokals in Blender gab an, nichts vom extremen Hintergrund seiner Kunden gewusst zu haben. Ihm sei eine Hobby-Hardrockband aus der Region angekündigt worden. Völlig erschrocken nahmen die Anwohner die anreisenden Gäste wahr. Die Polizei hielt sich im Hintergrund, rückte erst nach mehrmaligen Anrufen an. Die anwesende Hundestaffel blieb auf Entfernung.

Verabschiedung mit Hitler-Gruß

Da die Neonazi-Gäste die Landesstraße immer mehr in Beschlag nahmen, an- und abreisende Taxen den Weg blockierten, stellte ein Straßenbaufahrzeug mitten in der Nacht Geschwindigkeitsbegrenzungsschilder auf. Der Vorplatz zum Lokal glich einer Müllhalde. Ein Wagen mit jungen Gästen aus dem Hochsauerlandkreis landete in einem Seitenweg im Straßengraben. Zahlreiche Glatzköpfe verpassten gegen Ende des Konzerte um etwa 0.30 Uhr ihre Mitfahrgelegenheit und rannten planlos durch den Ort. Die meisten abfahrende Fahrzeuge wurden in Richtung der Autobahnen zwecks Fahrzeugkontrollen von Beamten gestoppt. Am Steuer saßen auffällig oft junge Mädchen.

Ganz zum Schluss, nachdem die meisten bereits abgereist waren, verabschiedeten sich auch die muskulösen Anhänger der Standarte und stiegen unter anderem mit dem NPD-Chef aus Verden, Matthias Schulz, in eine lange weiße Stretchlimousine, die kürzlich auch beim Trauerzug für einen verunglückten Hells Angel in Bremen benutzt wurde. Beim Einsteigen verabschiedeten sich zwei Glatzköpfe standesgemäß, mit Hitlergruß.

26. 09. 2010 - Andrea Röpke/Otto Belina

blick nach rechts  26.9.10 - Newsletter 20/2010

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