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Vor 10 Jahren starb der erste Ausländer durch rechte Gewalt

5. Juni 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - Bundesweit

erstellt 05.06.10, 12:36h, aktualisiert 05.06.10, 12:36h

Alberto Adriano
Zur Erinnerung an Alberto Adriano. (FOTO: MZ)
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DESSAU-ROSSLAU/DDP Die Mörder von Alberto Adriano trafen sich in jener Nacht zum 11. Juni 2000 zufällig am Bahnhof von Dessau. Mit Parolen zogen die 16, 17 und 25 Jahre alten Täter aus Wolfen und Bad Liebenwerda durch die Bauhausstadt, bis sie in einem Park auf den Mosambikaner Alberto Adriano trafen und auf ihn einschlugen. Der 39-Jährige wurde von den Skinheads derart verprügelt, dass er nicht mehr aus dem Koma erwachte und zwei Tage später seinen Verletzungen erlag. Mit dem Mosambikaner, der 1980 als Vertragsarbeiter in die DDR kam, starb zugleich der erste Ausländer in Sachsen-Anhalt durch rechte Gewalt.

Ob und was sich in Dessau seit der Bluttat geändert hat - darüber gehen zehn Jahre danach die Meinungen in Dessau auseinander. Marco Steckel vom multikulturellen Zentrum Dessau hat allein im vergangenen Jahr 40 Straftaten mit rechtsradikalem Hintergrund gezählt und meint, dass die rechte Szene unvermindert Angst und Schrecken verbreite. «Die Palette reicht von Pöbeleien bis hin zur gefährlichen Körperverletzungen auf offener Straße. Als Opfer trifft es entweder Ausländer oder alternative Jugendliche», sagt Steckel.

Bei einigen der Attacken, meint der Sozialarbeiter, könne man nur von «Glück sprechen», dass es nach dem Mord an Adriano kein weiteres Todesopfer in Dessau gegeben hat. «Wenn Menschen mit Stahlruten durch die Stadt getrieben und geschlagen werden, ist es nur Zufall, wenn niemand stirbt», sagt Steckel.

Bei den Tätern selbst scheint von Einsicht oder gar Läuterung ebenfalls nicht erkennbar. So gab der zu lebenslanger Haft verurteilte Haupttäter Enrico H. aus seiner Zelle im Gefängnis Brandenburg/ Havel die Postille «JVA-Report» heraus. «Zweck der Zeitung ist es, rechten Straftätern im Gefängnis einen Rückhalt zu bieten und sie so bei der Stange zu halten», sagt der Szenekenner Mario Bialek vom mobilen Beratungsteam in Sachsen-Anhalt über die strategische Rolle, die der mittlerweile 34-Jährige im Gefängnis für die Rechten übernommen hat.

Auch die beiden Mittäter scheinen der braunen Ideologie nicht abgeschworen zu haben. Seit 2009 nach neun Jahren Jugendhaft wieder auf freiem Fuß, wurden sie bereits «in einschlägigen Kreisen gesichtet», sagt Bialek.

Seitens der Politik in Sachsen-Anhalt will man sich der rechtsradikalen Gefahr angenommen haben. Man wisse, dass das Problem nicht beseitigt sei und habe entsprechend reagiert, betont Innenminister Holger Hövelmann (SPD). «Die Reihe von Vorfällen, insbesonders der Überfall auf die Schauspieler in Halberstadt durch Rechte haben uns geradezu herausgefordert», sagt Hövelmann. Seitdem sei ein ganzer Katalog von Gegenmaßnahmen umgesetzt worden. Die Palette reiche von der Aufbau und der Unterstützung gesellschaftlicher Netzwerke bis zu Weiterbildungsmaßnahmen bei der Polizei, um rassistische oder rechtsradikale Straftaten als solche zu erkennen.

Zudem sei damit begonnen worden, der braunen Propaganda den Zugriff auf Kinder und Jugendliche zu erschweren. «Beispielhaft wurde der Landesfußballbund nach entsprechenden Akteuren in der Nachwuchsarbeit durchleuchtet.» Seitdem sieht Hövelmann einen breiten Konsens gegen Rechts in der Gesellschaft, dass die Umtriebe nicht zu tolerieren sind.

In linken Gruppen honoriert man diese Bemühungen im Kampf gegen Rechts. So ist für Mario Bialek entscheidend, dass sich im Land tatsächlich ein gemeinsamer politischer Wille im Kampf gegen rechtsextremistische Umtriebe geformt hat. «In Sachsen-Anhalt ist für alle politischen Parteien und Kommunen mittlerweile klar, dass man sich offensiv gegen Rechts wehren muss. Das war in dieser Form vor fünf, sechs Jahren noch nicht der Fall», sagt Bialek.


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