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Walsrode 12.10.12 - Charly Braun's Trauerrede zu Horst Kröger

12. Oktober 2012 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen

Trauerrede für Horst Kröger gest. 1.10.12

von H-D Charly Braun Fr. 12.10.12 – 14 h im ver.di-Bildungszentrum Walsrode
Liebe Moni, liebe Alex, Lutz und Alina.  Liebe Lena, Finn und Klara. Lieber Simon und Jenny.
 Liebe Verwandte von Horst, Liebe FreundInnen und Freunde, KollegInnen und Kollegen, Genossinnen und Genossen von Horst, Liebe Trauergäste.

Ich habe bisher nicht realisiert, dass Horst nicht mehr unter uns ist.

Moni sagte gleich, die Trauerfeier soll bei ver.di stattfinden. Denn da gehört Horst hin. Und dass Tom Kirk, unser Barde aufmüpfigen Liedguts, heute hier spielt, ist ebenso aus der Entscheidung der Familie entstanden - Nämlich: Es soll so sein, dass es Horst entspricht und ihn uns spiegelt.
Hier im gewerkschaftlichen Bildungszentrum haben wir gemeinsam in den letzten Jahren allerlei geplant und durchgeführt: ob mit der antifaschistischen Jugendszene, für Streiks, für soziale Kommunalpolitik, Kultur- und Medienprojekte. Für die Kolleginnen und Kollegen dieses Hauses war es sofort selbstverständlich, alles Notwendige für heute "für unsern Horst",    O-Ton: "für unsern Horst"   zu tun.
Horst ist am 12.4.1952 geboren, in Ostenholz bei Tante und Onkel aufgewachsen. Nach der Mittelschule (die heute Realschule heißt), lernte er bei WOLFF in Bomlitz Laborant. Schnell war er in der Gewerkschaftsjugend aktiv und wurde zum Jugendvertreter gewählt. Seminare und die Gemeinschaftserfahrungen in der Gewerkschaftsjugendgruppe ließen bei Horst und vielen anderen das Bewußtsein der Arbeiterinnen-/ Arbeiterbewegung wachsen. Im Gruppenraum der Gewerkschaftsjugend in der Schule Bomlitz war mensch zuhause, nach dem Motto "Hier biste Mensch, hier kannste sein".

Gemeinsam mit anderen Jugendlichen aus Walsrode und dem Raum Schwarmstedt gaben Horst und die Bomlitzer ab Dezember 1970 die Alternativ-Zeitung "Landbote Ulifus" heraus. Diese frühe Alternativ-Zeitung aus einer ländlichen Region wurde zum legendären Blatt.

In der Erinnerung können wir uns auch über gemeinsame Erlebnisse - wir alle - freuen.
Eine Geschichte von 1971:
 Wir drängeln uns mit Saalschützern, um den NPD-Vorsitzenden von Thadden in Walsrode zu stören. Dann ziehen wir in großer Zahl, Horst voran, in nächtlicher Demo durch Walsrode, dabei lauthals die Internationale singend. Die schönsten Erinnerungsfotos davon hat die politische Polizei gemacht. Sie stehen uns leider bis heute nicht zur Verfügung. Etliche, die heute hier her gekommen sind, haben in den Jahren ein schönes Lebensgefühl in guter Gemeinschaft mit Horst geteilt.
Anfang der 1970er Jahre hatte die Protestbewegung der 68er die Arbeiterjugend erreicht. Klassenkampf war angesagt. Marx und Mao wurde auch in Bomlitz geschult. Horst und zahlreiche andere gründeten die Orts- und Betriebszelle des KBW (Komm. Bund Westdeutschland). Es war eine der größten Gruppen in Deutschland.
Ähnlich heutiger autonomer Widerstandsbewegungen hatten in den internen Protokollen der Gruppe alle einen Decknamen. Dunkle Kapuzenpullis - alá Horst Kröger - wurden aber erst später Mode.
Horst gehörte zu den Leitenden der Gruppe. Damals praktizierten auch Gewerkschaften den Radikalenerlass, insbesondere die Chemiegewerkschaft. Horst und weitere, die hier auch im Raum sind, wurden aus der Gewerkschaft ausgeschlossen.
So jung Horst damals war, übernahm er bereits persönliche Verantwortung. Er heiratete Moni und zog Alexandra mit groß. Die Heirat ist jetzt 39 Jahre her.
 Horst wurde schon früh Computerspezialist.  Er war jahrzehntelang im In- und Ausland tätig.
Einer der Horst aus seiner scheinbar wenig politischen Zeit kennt, schreibt jetzt aus den
USA: "Ich habe selten einen Menschen kennengelernt, der derart engagiert für seine Überzeugung und die gute Sache eingetreten ist."
Als Horst's Zeit in der Branche vorbei war, fand er einen Job beim sozialpädagogischen Träger "Vier Linden". Ohne es gelernt zu haben, hatte er für die Arbeit mit Jugendlichen ein gutes Händchen. Er war offen für sie und gab Orientierung.
 
Etwa 2006 bei einer antifaschistischen Veranstaltung im JUZE Walsrode sprach er mich an - ich erkannte ihn nicht mehr. Kaum hatte er seinen Namen genannt, war das gegenseitige Grundvertrauen wieder da. Nahtlos nahm Horst nach Jahrzehnten seine ehrenamtliche Arbeit wieder auf: antifaschistisch und gegen Atomkraft, er wurde ver.di-Mitglied und sogleich in ver.di- und DGB-Gremien gewählt. Nicht nur bei Streiks und Aktionen war Horst ein wichtiger Motor.
Durch seine vielen Kontakte erfuhr er viele betriebliche und asoziale Sauereien. Er war nicht einer von denen, die das Ohr am Volke haben,
er schwamm mittendrin.
Und er gab vor allem Jugendlichen in prekären Situationen vielerlei Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe. Er organisierte Proteste gegen Nazis und mußte sich dafür
von Rechte-Auge-Blind-Bürgern beschimpfen lassen und bekam ein Hakenkreuz ans Haus geschmiert. Die Felix-Nußbaum-Schule beriet er in Sachen Stolpersteine für NS-Opfer und gegen Neonazis unter Schülern. Er teamte in der Internationalen Jugendarbeit in Bergen-Belsen. Bei antifaschistischen Spontandemos half er selbstverständlich als Anmelder aus. Als sich in Krelingen eine sehr junge Naziszene ausbreitete, thematisierte er das auf der Einwohnerversammlung und suchte mit den Menschen im Dorf nach Handlungsmöglichkeiten. Rassismus und soziale Ausgrenzung waren Horst unerträglich. Ein Grund für seine Freundschaft zum Sportverein CIWAN. Ganz praktisch unterstützte Horst die selbständigen großen Bildungsstreik-Aktionen Jugendlicher im Heidekreis.
Wer ihn als Versichertenältesten zur Rentenberatung besuchte, wunderte sich zuerst über den Langhaarigen im Kapuzenpulli und ging dann, mit dem Eindruck, freundlich und unkompliziert unterstützt worden zu sein, wieder weg.

Vorm Jahr wurde Horst zum ersten LINKEn Ratsherrn Walsrodes gewählt, anschließend Kreisvorsitzender und Landtagskandidat.
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Als Duo haben Horst und ich in den letzten Jahren zahlreiche Aktivitäten gemeinsam angepackt. Da lernt man sich gut kennen.

Mit viel Engagement und konsequent füllte er seine selbst gesetzen Aufgaben aus. Und er hatte immer neue Ideen. Gemeinsam starteten wir 2009 das Projekt "
Zug-der-Erinnerung auf der Heidebahn" mit fast 40 Begleitveranstaltungen. In der Folge betreute er den Zug-der-Erinnerung auch an anderen Standorten. Die Macher dieses Zuges nennen Horst "entschlossen, umsichtig und bescheiden".
Es war Horst's Idee, seit 2010 den
Kalender-soziale-Bewegungen herauszugeben.
Maßgeblich organisierte Horst 2008 den Benefiz-Auftritt von Lisa Politt und Gunter Schmidt/
"Herrchens Frauchen" in der Walsroder Stadthalle zugunsten gerichtlich verfolgter junger Antifaschistinnen und Antifaschisten.

Aus vielen unserer Aktivitäten und anderen sozialen Konflikten in der Provinz produzierten wir beide regelmäßig die Sendung "
culture_courage Stadt-Land-Widerstand" beim web-Radio radioflora.de

Um sich nicht so oft über tendenzielle oder gar-nicht-Berichterstattung mancher Lokalzeitungen zu ärgern, hieß das Rezept unseres Computerspezi: 
"selbermachen". Die antifa-sfa-Seite ist seine Erfindung. Bei youtube, myheimat, Facebook und anderswo sind zahlreiche Beiträge von und über Horst zu finden.

Wer soviel macht, braucht der nicht auch mal Pausen?  Horst verbrachte diese Pausen gern auf seiner Terrasse oder im Café Samocca zusammen mit Herbert. Dort traf er auch Verabredungen für all die aufgezählten Aktivitäten. Dass Politkram auch Freude bereitet, erlebte er beim Verteilen von 2000 roten Rosen und flyern zum Internat. Frauentag Jahr für Jahr. Kraft schöpfen konnte Horst beim Drachen steigen lassen mit den Enkeln, beim Adventskegeln mit der Antifa, mit Moni an der Ostsee und beim Tannenbaumschlagen.

Aus den verschiedenen Lebensphasen und Tätigkeitsfeldern sind heute Menschen hier, um Moni und der Familie Kraft zu geben. Und darüberhinaus haben Viele ihre Betroffenheit und ehrliche Anteilnahme ausgedrückt - von USA, über England, Israel bis Südafrika.

Ein kurdischer Jugendlicher schreibt bei Facebook:  "Wer so gewirkt im Leben, wer so erfüllte seine Pflicht und stets sein Bestes hat gegeben, für immer bleibt er allen ein Licht!"

Horst's Pflicht waren seine selbstbestimmten Ziele und er hat bewußt mit uns gelebt. Diese gute Zeit mit ihm, wird in unseren Köpfen und Herzen weiterleben.



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Nach mehreren Reden hält Charly Braun das Schlusswort:
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Ich danke euch allen hier ganz herzlich!
Noch etwas Organisatorisches und ein  Abschlußwort:

Wenn ich das Mikro verlasse ist Zeit für Kaffee und Kuchen. Schaut euch die Stellwände an. Notiert euch diese Internet-Seite, da findet ihr Vieles von und über Horst, sogar eine frisch zusammengeschnittenen Film über Horst aus den letzten Jahren. Einige Papiere liegen zum Mitnehmen aus. Die Ausgaben des "Landbote Ulifus" sind nur zum Ansehen.
Niemand muß um 16.30 Uhr dies gastliche Haus verlassen. Zum Austausch und Wiedersehen steht uns die Kellerkneipe, der Raum unterm Glasdach und der Garten zur Verfügung.
Ich würde mich freuen, wenn wir mit Hilfe von Silke ein Foto aller aus der Jugendszene der 1970er Jahre hinbekämen.
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Auch heute ist wieder deutlich geworden, wie wichtig Horst Vielen war. Was er tat, sozial und solidarisch, das tat er aus innerster Überzeugung - auch wenn es darum ging, einen Obernazi aus der Veranstaltung zu verweisen, wie jetzt im Juli. Er hatte Courage. Er konnte Bündnisse von der Roten Hilfe bis zum Stadtmarketing schmieden und von CDUlern im Auto mitgenommen werden.


Sein letzter Aktionstag war der 15.9.12   Horst hatte alles organisiert, dass wir mit dem verdi-Bildungszentrum beim "
Tag-der-Bildung-und-Kultur" des Landkreises hier in Walsrode dabei waren. Er war voll im Einsatz und fand auch Zeit, seine Enkelin bei einer Kita-Vorführung zu filmen. Nachdem alle Materialien zurück gebracht waren, mußte noch ein Tages-Resumee für radioflora sein.
Dazu schreibt Ralf:  "Behalten wir ihn so in Erinnerung, mit aufrechtem Stand, das aktionsbereite Mikrofon in der Hand."


Der ehem. Bundestagsabgeordnete, Professor Herbert Schui, hat Horst einen Tag davor erstmals richtig erlebt - beim Aufbau der Protestmauer gegen Bankzocker und Sozialabbau vor der Deutschen Bank Soltau.   Herbert Schui schreibt über Horst in seinen Trauergrüßen, ich zitiere:"eine beachtenswerte Biografie"

Horst blieb ein Jugendlicher und demonstrierte das auch durch Tragen von T-shirts mit dem Aufdruck "DGB-Jugend"

Mich hat besonders beeindruckt,
wieviele Jugendliche um Horst trauernund wie sie das tun.
Flo hat das bekannte tolle Bild von Horst gesprayt. 

Ich schließe mit den Worten eines 20jährigen Antifaschisten, und ich zitiere ihn:
" ...und auch wenn ich mir selbst in meinem Alter noch nicht zutraue einen angemessenen Text zu dem Nachruf zu schreiben, so möchte ich doch auf einen Spruch verweisen, der mir einen Tag, nachdem ich die schreckliche Nachricht gehört habe, aufgefallen ist. Für mich beschreibt er einerseits sehr gut Horsts Lebenswerk und andererseits einen Weg, mit solch unergründlichen Schicksalsschlägen klarzukommen:
"Leuchtende Tage: Nicht weinen, dass sie vorüber. Lächeln, dass sie gewesen." Konfuzius"


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