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Weser-kurier 20.6.13 -- macht Fracking-Soße in Wittorf krank

20. Juni 2013 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Umwelt



WESER KURIER  20.06.2013

Bundestagsabgeordnete vermutet Kumpanei zwischen Behörden und Erdgas-Unternehmen
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„Irgendwann kommt die Frac-Soße hoch“

Von Johannes Heeg
Die Anlage in Wittorf arbeitet fernüberwacht ohne Personal. Treten Probleme auf, müssen die Monteure aus dem 30 Kilomete
Die Anlage in Wittorf arbeitet fernüberwacht ohne Personal. Treten Probleme auf, müssen die Monteure aus dem 30 Kilometer entfernten Langwedel anreisen.
Landkreis Rotenburg. Die Erdgasförderung kann Menschen krank machen. Das sagt die Bundestagsabgeordnete Johanna Voß (Linke), die sich gestern zwei Gasbohrstellen im Landkreis Rotenburg angeschaut hat. Erste Station ihrer kleinen Rundreise, die sie zusammen mit Mitgliedern der Bürgerinitiative "Fracloses Bohren" unternommen hat, war "Wittorf Z1". Dort, wo kein Gas mehr gefördert, stattdessen aber giftiges, unter anderem Benzol haltiges "Lagerstättenwasser" in die Erde gepumpt wird, traf sich die 56-Jährige mit einem gleichaltrigen Mann, der etwa einen Kilometer entfernt wohnt. Dieser berichtete: "Am 3. Februar hatte ich plötzlich Atemnot. Und im Krankenhaus sagte man mir, dass kein Sauerstoff mehr im Blut ist." Die Ärzte hätten eine chemische Verunreinigung der Lunge festgestellt. Zu den möglichen Ursachen wollte er sich derzeit noch nicht äußern.
Jochen Richert von der Bürgerinitiative nimmt indes kein Blatt vor den Mund: "Vermutlich haben Gase, die aus dem Untergrund an die Erdoberfläche gedrungen seien, die Beschwerden ausgelöst." Schließlich habe RWE Dea seit 1995 in Wittorf mehr als 650 Millionen Liter Abwasser aus der Erdgasförderung im Boden versenkt.
Treffpunkt Wittorf Z1, wo RWE Dea jeden Tag 250 Kubikmeter Abwasser verpresst: die Bundestagsabgeordnete Johanna Voß (Mi
Treffpunkt Wittorf Z1, wo RWE Dea jeden Tag 250 Kubikmeter Abwasser verpresst: die Bundestagsabgeordnete Johanna Voß (Mitte) im Gespräch mit Hartmut Horn von der Bürgerinitiative (links) und dem Kreistagsabgeordneten Manfred Damberg.
Wie berichtet, hat das Landesbergamt am 25. Juli 2011 an der benachbarten Bohrstelle Söhlingen (SOLG Z2) eine Benzol-Konzentration gemessen, die etwa 13000 Mal über dem Trinkwassergrenzwert liegt. Auch hochgiftige "polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe" wurden festgestellt. Die Naphthalin-Konzentration liege 16700 Mal über dem Grenzwert. "Irgendwann kommt dieser Mist, der in die Erde gepresst wurde, eben wieder hoch", meint Richert.
Wie ist es angesichts der strengen deutschen Umweltgesetze möglich, dass RWE Dea in Wittorf jedes Jahr 40 Millionen Liter Giftbrühe ins Erdreich verklappen darf? Die Abgeordnete Voß erklärt es so: "Das Bergrecht soll Bergbau ermöglichen, nicht verhindern." Zwar seien die aus der Kaiserzeit stammenden Gesetze 1984 novelliert worden, doch gebe es noch immer weder Bürgerbeteiligung noch umfassende Auskunftspflicht. Zudem vermutet sie Kumpanei zwischen Behörden und Unternehmen: "Die künftigen Ingenieure studieren zusammen, zum Beispiel in Clausthal-Zellerfeld. Die einen gehen dann zum Bergamt, die anderen in die Industrie. Man kennt sich, und möglicherweise hilft man sich auch."
Söhlingen H1 heißt die "Versenkbohrstelle" in Bellen, wo Exxon-Mobil seit 1984 bisher mehr als 937 Millionen Liter Lager
Söhlingen H1 heißt die "Versenkbohrstelle" in Bellen, wo Exxon-Mobil seit 1984 bisher mehr als 937 Millionen Liter Lagerstättenwasser ins Erdreich entsorgt hat.
Die Bürgerinitiative will sich mit der billigen Abwasserentsorgung, die die Gesundheit der Bevölkerung gefährden könnte, nicht abfinden. "Bisher sind im Landkreis Rotenburg 3,5 Milliarden Liter Lagerstättenwasser einfach so in die Erde verpresst worden", sagt Sprecher Hartmut Horn. Was er nicht versteht: "Das Landesbergamt weiß nicht einmal, wie stark die radioaktive Kontaminierung des Abwassers ist. Das haben die uns selbst mitgeteilt", sagt er mit Verweis auf ein Schreiben der Behörde vom Frühjahr dieses Jahres. Die Radioaktivität werde bei den chemischen Untersuchungen schlicht "nicht berücksichtigt".
Ebenfalls unverständlich findet die Bürgerinitiative, dass das Bergamt keinerlei Emissionsmessungen an den Erdgas-Bohrstellen und Lagerstättenwasser-Verpressstellen vornimmt. Ein so genanntes "Monitoring", also eine engmaschige Überwachung mit Wasser-, Boden- und Luftproben, finde nicht statt. Auch eine Beobachtung von Flora und Fauna gebe es von Seiten der Behörde nicht.
Besichtigt wurde gestern auch die Bohrstelle von Exxon-Mobil in Bellen. Dort sagte Johanna Voß: "Das kann so nicht weitergehen. Der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung fordert ein umfassendes Monitoring für sämtliche Bohrstellen. Die Technik ist da, die Unternehmen machen es nicht, weil sie es nicht müssen."
Statt endlich auf erneuerbare Energien umzusteigen, versuche die Rohstoffindustrie derzeit, mit aller Gewalt das Letzte aus der Erde herauszupressen. "Irgendwann kommt die Frac-Soße aber wieder hoch. Kein Mensch weiß doch, wie es da unten in der Erde wirklich aussieht. Weil immer mehr Lagerstättenwasser verpresst wird, weitet sich der unterirdische Giftsee unkontrolliert aus." Und leider sei es so, dass die Industrie, die das Desaster verursache, kein wirkliches Entsorgungskonzept habe: "RWE überlegt jetzt immerhin, das Lagerstättenwasser in die selbe Tiefe zu leiten, wo es auch herkommt. Aber eigentlich müsste das Abwasser gereinigt werden, doch damit wäre die Erdgasförderung hier unwirtschaftlich." Gerne hätte sie sich gestern vor Ort mit einem Verantwortlichen von Exxon oder RWE über die Probleme unterhalten. "Doch die haben beide nur Hintergrundgespräche ohne Presse angeboten", berichtete Voß.
"Alle Fakten müssen endlich auf den Tisch", fordert der Kreistagsabgeordnete Manfred Damberg. Der Wilstedter hat Exxon und RWE angezeigt, wirft ihnen eine schwere Umweltstraftat durch Einleitung von hochtoxischen Abwässern ins Grundwasser vor. Und er hat dafür gesorgt, dass der Umweltausschuss des Kreistags am kommenden Dienstag, 25. Juni, über das Thema Erdgasförderung debattiert. Seine Forderung: "Wir brauchen da einfach mehr Transparenz."
Das Bergamt müsse sein Handeln viel mehr am Wohl der Allgemeinheit orientieren und nicht nur im Sinne der Wirtschaft entscheiden.

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