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Zeitzeuge berichtet über Leben im Nationalsozialismus / Zuschauer mit Tränen in den Augen

30. November 2009 , Geschrieben von sn Veröffentlicht in #Zug der Erinnerung

Zeitzeuge berichtet über Leben im Nationalsozialismus / Zuschauer mit Tränen in den Augen 

In der IGS Linden berichtete am vergagenen Donnerstag der Zeitzeuge Salomon Finkelstein von seinem Leben als Jude im Deutschland des Nationalsozialismus. Er erzählte die Geschichte seines Lebens - eine traurige Geschichte, die man kaum glauben mag, oder besser nicht glauben möchte.

Mein Leben war nichts mehr wert
Salomon Finkelstein wächst in Lodz/Polen auf. Hier besucht er die jüdische Schule, lernt die jiddische Sprache. Kurz nach Beginn des Krieges im Jahr 1939 kommen die ersten auch Deutschland vertriebenen Juden nach Polen und berichten zum ersten Mal von einem Land, das von Nazis regiert wird. Dann marschiert die Wehrmacht in Lodz ein und die Schikanen beginnen. „Zuerst wurden die jüdischen Schulen geschlossen, dann verbot man jüdische Vereine. Wir durften die Bürgersteige nicht mehr benutzen und mussten und schließlich den Davidstern anheften, damit man uns als Juden erkennt. Unser Leben war plötzlich nichts mehr wert“, erinnert sich Finkelstein.

Schatten an den Wänden
Als der Befehl kommt, alle Juden in einem anderen Viertel der Stadt unterzubringen, werden alle Familien aus ihren Wohnungen vertrieben. „Wer nicht schnell genug war, aus Alters- oder Krankheitsgründen, wurde erschossen“, völlig verängstig wird Salomon mit vielen anderen jüdischen Familien in das umzäunte Ghetto gebracht. Die Bedingungen dort sind furchtbar. Lebensmittelzuteilungen sind abhängig von den deutschen Wachen. Oft gibt es nur ein paar Gramm Graupen oder Harzer Käse. „Vor Hunger konnten die Menschen auf den Straßen nicht mehr aufrecht gehen“, berichtet Solomon Finkelstein, „Viele hielten sich wie Schatten an den Wänden und sind vor Hunger buchstäblich gestorben. Jeden Tag habe ich Holzkarren mit ihren Leichen vorbeifahren sehen, auf denen sie aufgestapelt waren wie Vieh“. Um dem Tod zu entgehen meldet er sich auf einen Aushang hin zur Arbeit. Kurz darauf transportiert man alle Arbeitswilligen in offenen Lastwagen aus den Ghetto. Seine Mutter begleitet ihn bis zu den Wagen, dann verabschieden sich die beiden. Ein Abschied für immer.

„Ich bin zum Tode verurteilt - ich wusste nur nicht wann und wie“
Im Arbeitslager wird Finkelstein zu Planierarbeiten für die Reichsautobahn eingeteilt. „Als Junge aus der Stadt konnte ich nicht richtig mit dem Spaten umgehen“, dafür setzt es Schläge von den Wachen. Salomon lernt schnell und versucht seinem Meister jeden Wunsch von den Augen abzulesen, doch „man konnte sich anstrengen wie man wollte, Prügel und Strafen gab es immer“. Im Laufe der Jahre arbeitet Finkelstein in verschiedenen Arbeitslagern. Mal muss er für neue Straßenverläufe den Humus vom Waldboden abheben, mal Drainagen anlegen, um Feuchtgebiete trocken zu legen. Als am 20. Januar 1942 die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wird, weiß Salomon: „Ich bin zum Tode verurteilt. Ich wusste nur nicht wann und wie es passieren würde, durch Gas, Erhängen, Erschießen oder Medikamente“. Man deportiert alle Juden in die Konzentrationslager. Finkelstein wird per Eisenbahn nach Auschwitz gebracht. „Und wurde die Kleidung abgenommen, dann mussten wir duschen. Anschließend wurde mir eine Nummer eingeritzt“, erzählt er, „ab diesem Tage war ich nicht mehr Salomon Finkelstein, sondern nur noch die Nummer 15253“. Die Häftlinge werden am „Todesengel von Auschwitz“, dem Chefarzt des Konzentrationslagers Joseph Mengele vorbeigeführt. Sein Fingerzeig entschied über Leben und Tod, über rechts ins Gas oder links zur Arbeit. Salomon wird zur Arbeit als Maurer eingeteilt. An die Zeit im Konzentrationslager erinnert es sich noch gut: „Wir schliefen mit 250 Mann in einer Baracke. Morgens mussten wir uns aufstellen, neben uns lagen die Toten, die die Nacht nicht überstanden haben“. Dann schweigt Finkelstein für einen Moment und ergänzt einen Augenblick später: „Die Aufschrift am Tor von Auschwitz hieß ‚Arbeit macht frei’. Es hätte aber heißen müssen, wie es laut Dante über dem Tor zur Hölle steht, ‚Lasst, die Ihr eintretet, fahren alle Hoffung“.

Alle wurden umgebracht
Kurz vor Ende des Krieges wird das Lager geräumt. In kilometerlangen Todesmärschen treiben die Wachen die Gefangenen vor der Front her, bis nach Nordhausen im Harz. Dort wird in versteckten Stollen unter Tage an der Vergeltungswaffe V2 gearbeitet. Die Kapitulation am 8. Mai 1945 beendet die schreckliche Zeit. Es dauert Monate, bis sich Finkelstein daran gewöhnt sich wieder frei bewegen zu können: „immer wieder habe ich mich umgesehen und konnte nicht glauben, dass niemand mehr mit einer Waffe hinter mir herlief“, erzählt er heute. In den Wirren des Kriegsendes sucht er nach seiner Familie. Findet aber nur einen Freund aus einem Arbeitslager. So kommt Finkelstein nach Hannover nieder und bleibt dort. Er heiratet, hat Kinder. Und Ende der 70er Jahre findet er auch einen seiner Brüder in Israel wieder. Doch die Zeit heilt nicht alle Wunden. „Ich habe keine Klassentreffen, wie andere in meinem Alter. Meine Mitschüler sind alle umgebracht worden“, fügt er am Ende seines Vortrages hinzu, „selbst wenn es mir schlecht geht, kann ich nicht am Grab meiner Mutter um Beistand bitten. Ich weiß nicht einmal wo meine Eltern geblieben sind. Nicht einmal ein Grab gibt es von ihnen“.

So darf es niemals wieder werden
Nach seinen Ausführungen ist es still geworden im Forum der IGS Linden. Viele Teilnehmer sind sichtlich betroffen., einige wischen sich die Tränen aus den Augen. Frank Mandrella spricht das aus, was wohl so viele hier denken: „Wenn ich in einem Buch darüber lese, dann ist das irgendwie Geschichte, aber hier und heute im Gepräch mit dem Zeitzeugen, da begreift man erst das wirkliche Ausmaß der Dinge“. Und Uta Schneider vom Schulelternrat der IGS Linden ergänzt: „Ich finde es unglaublich, wie ein Mensch die Kraft finden kann über solche Dinge zu sprechen. Herr Finkelstein hat meine Hochachtung und meinen ganzen Respekt“. Organisator H.D. Charly Braun, von der Geschichtswerkstatt Hannover e.V., sieht die Veranstaltung als vollen Erfolg: „Immer wenn Herr Finkelstein bei uns zu Gast ist, sehen wir die Menschen, die nachdenklich nach Hause gehen. Bei denen ist was angekommen“. Auch der Organisator H.D. Charly Braun von der Geschichtswerkstatt Hannover e.V., sieht die Veranstaltung als einen vollen Erfolg, „immer wenn Herr Finkelstein bei uns zu Gast ist, sehen wir die Menschen, die nachdenklich nach Hause gehen. Bei denen ist was angekommen“. Salomon Finkelstein ist derweil wieder in Gesprächen vertieft, stellt sich den Fragen der interessierten Teilnehmer und sagt dabei: „Ich erzähle, wie es damals war, weil es nie wieder so werden darf“!


sn

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