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Posts mit #personen tag

Kunstaktion zum Tod von Horst Kröger

6. Oktober 2012 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen

 

hallo charly,                                                                                               Soltau/ Hannover 4.10.12               

als ich von horsts tod erfahren habe war ich schockiert und dachte, dass es wohl ein schlechter scherz sei. leider war es nicht so. das gefühl, das ich hatte, als ich ich es gelesen habe, kann ich dir gar nicht beschreiben, vielleicht so, als wäre ein teil von mir weggebrochen. ich saß dann einige stunden und habe überlegt, was ich machen könnte um horst zu gedenken. ich habe dann eine sprühsablone gebastelt und bin am mittwoch zum indiego glocksee gegangen und habe sie dort an die graffitiwand gesprüht. ich hoffe, das es noch lange dort stehen bleibt, wenn nicht sprüh ich es nochmal neu. ich hab dir die bilder von der schablone und von dem fertigen bild in den anhang gepackt. kannst du mir bitte mitteilen wann genau die beerdigung sein wird? sven meinte am 12.10. . ich habe an dem tag zwar schule, aber ich komme auf jeden fall!

beste grüße, flo

 

 

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Harke 20.3.12 -- Ist ver.di-Vorsitzender Bsirske ein Exot ?

20. März 2012 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen

Harke 20.3.12  --  Ist ver.di-Vorsitzender Bsirske ein Exot ?

 

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Georg Kreisler

25. November 2011 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen

 

In Gedenken an Georg Kreisler, der am 22.11.2011 verstorben ist.

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Franz Josef Degenhardt

16. November 2011 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen

 

In Erinnerung an 

Franz Josef Degenhardt

 

der am Montag 14.11.2011 verstorben ist.



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Zurück in die Zukunft mit Rosa und Karl

10. Januar 2011 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen

 

Von Claudia Wangerin
Gegen Krieg und Kapitalismus – Demonstration am Samstag in
Gegen Krieg und Kapitalismus – Demonstration am Samstag in Berlin-Lichtenberg
Der Kommunismus-Hysterie zum Trotz haben am Sonntag in Berlin Zehntausende Menschen der Revolutionäre Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gedacht. Nach Angaben der Linkspartei, die zur Kranzniederlegung aufgerufen hatte, zogen im Lauf des Tages rund 40000 Menschen zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof, um an die Ermordung der beiden KPD-Gründer durch Reichswehrsoldaten vor 92 Jahren zu erinnern. Am stillen Gedenken ab neun Uhr auf dem Zentralfriedhof nahmen auch die beiden Vorsitzenden der Partei Die Linke, Gesine Lötzsch und Klaus Ernst, ihr Vorgänger Oskar Lafontaine, Fraktionschef Gregor Gysi und Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau teil. Auf den Gräbern türmten sich am frühen Nachmittag Berge von roten Nelken, die zahlreiche Menschen dort niedergelegt hatten.

An der traditionellen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration vom Frankfurter Tor zur Gedenkstätte der Sozialisten beteiligten sich knapp 10000 Menschen, die mit sozialen und friedenspolitischen Forderungen den aktuellen Bezug zum Kampf von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht herstellten. Bei Tauwetter setzte sich der Demonstrationszug gegen 10.30 Uhr in Bewegung. Passend zum Generationen-Mix waren im fliegenden Wechsel moderne Demo-Sampler aus dem Lautsprecherwagen und traditionelle Arbeiterlieder zu hören – und immer wieder die Parole »Hoch die internationale Solidarität«. Eine der Hauptforderungen war der Abzug der Bundeswehrtruppen aus Afghanistan. Weitere Schwerpunktthemen: die Abwälzung der Krisenfolgen auf die lohnabhängige Bevölkerung und der Streit um die Berechnung der Hartz-IV-Regelsätze sowie der Kampf gegen die Todesstrafe und für die Rechte politischer Gefangener weltweit.

Stilles Gedenken in Berlin-Friedrichsfelde
Stilles Gedenken in Berlin-Friedrichsfelde
Den Aufruf zur traditionellen »LL-Demo« hatten zahlreiche linke, antifaschistische und marxistische Gruppen und Parteien aus ganz Europa unterstützt. Neben der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), der Jugendorganisation SDAJ und Gliederungen der Linkspartei, des parteinahen Jugendverbands Linksjugend [’solid] und des Studierendenverbands Die Linke.SDS waren vor allem türkische und kurdische linke Gruppen gut sichtbar vertreten. Baskische und palästinensische Fahnen waren zu sehen; die griechische Kommunistische Partei KKE schlug vor »Poeples of Europe rise up« – »Völker Europas, erhebt euch«.

Die SDAJ konterte den Vorwurf, Kommunisten seien keine Demokraten, mit einem Transparent, auf dem die Logos von Banken und Energiekonzernen zu sehen waren: »Das sind die Feinde der Demokratie«. »Atom-Mafia abschalten – Energiekonzerne enteignen« forderte die DKP.

In Friedrichsfelde stießen die Demonstranten zu den Teilnehmern des »stillen Gedenkens«. Vor dem Eingang des Zentralfriedhofs waren zahlreiche linke Gruppen, Parteien und Zeitungen mit Infoständen vertreten. Klaus Meinel vom Veranstalterbündnis wertete die Demonstration als Erfolg. Die Teilnehmerzahl sei im Vergleich zum letzten Jahr wieder gestiegen, sagte Meinel am Sonntag gegenüber junge Welt. »Wie zu erwarten, nachdem die Rosa-Luxemburg-Konferenz am Vortag ein Publikumserfolg war.« Die von junge Weltveranstaltete Konferenz hatte in diesem Jahr rund 2500 Teilnehmer – mehr als je zuvor – angezogen.
Quelle: junge Welt 10.01.2011
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Oskar Negt im Interview

12. Dezember 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen

Philosoph Oskar Negt im Interview

"Heimisch bei der IG Metall"

Der Philosoph Oskar Negt hat die politische Linke in Deutschland seit seiner Studienzeit begleitet. Das war nicht immer erfreulich - für beide Seiten. Am Mittwoch ist Negt Gastredner bei den diesjährigen "Karl-Jaspers-Vorlesungen zu Fragen der Zeit" an der Universität Oldenburg.

Trat mit 20 der SPD bei und wurde sechs Jahre später wieder ausgeschlossen: der Philosoph Oskar Negt. Foto: Christian Wyrwa

taz: Herr Negt, hinter Ihnen im Bücherstapel liegt ja Thilo Sarrazin, "Deutschland schafft sich ab"!

Oskar Negt: Ja, ja. Da liegt er.

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Wie kommt der da hin?

Der lag eines Tages im Briefkasten. Vom Verlag geschickt. Meine Frau und ich hatten gesagt: Nee, den kaufen wir nicht. Aber wegschmeißen können wir den jetzt auch nicht mehr.

Aber warum denn nicht?

Man muss auch diese Unterseite zur Kenntnis nehmen, diese verirrten Gefühle und die Begriffsverwirrung.

76, floh im Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie aus Ostpreußen. Nach dem Abitur in Oldenburg, dem Studium bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in Frankfurt und seiner Assistenzzeit bei Jürgen Habermas lehrte er bis 2002 als Professor für Soziologie in Hannover. Negt engagiert sich für die Arbeiterbewegung und gründete 1972 mit anderen in Hannover die alternative Glocksee-Schule. Sein aktuelles Buch heißt "Der politische Mensch - Demokratie als Lebensform". Oskar Negt wohnt mit seiner Frau, der Psychologin Christine Morgenroth, im hannoverschen Stadteil List.

 

 

Die Unterseite der politischen Welt?

Ja. Dort zeigt sich das, was ich "Realitätsspaltungen" nenne: Unter der offiziellen Wirklichkeit braut sich ein kollektives Unheil zusammen. Wenn Sie Privatgespräche belauschen, dann merken Sie eine Unzufriedenheit darüber, dass etwa die Verfahrensrationalität in der Demokratie so umständlich ist. Und das wäre noch nicht einmal so schlimm, wenn bei diesen Verfahren etwas herauskäme, womit ich mich identifizieren kann, was wirkliche Gesellschaftsreform bedeutete.

Da denkt man jetzt gleich an die Wut über den Stuttgarter Bahnhofs-Umbau.

Umbau? Abriss! Diese Wut und diese Entfremdung von den Institutionen sind für mich Zeichen. Stuttgart ist ein kleines "Geschichtszeichen", wie Kant das nennt. Dafür, dass die bestehende Realität morbide ist und in Zersetzung begriffen.

Was zersetzt sich denn da?

Die Leute klagen über die Nicht-Anerkennung ihrer Person in demokratischen Prozessen. Und viele resignieren, verzweifeln und ziehen sich ins Private zurück. Das ist eine große Gefahr. Cicero spricht inmitten einer gesellschaftlichen Umbruchsituation von der "res publica amissa" - der vergessenen, vernachlässigten Republik. Alle Institutionen, alles Offizielle sieht in Ordnung aus. Aber wenn Großfeldherren wie Caesar oder Pompeius den Senat betreten, dann redet keiner mehr, dann schweigen alle.

Für Sie kein Vergleich zur Republik um 1968, oder?

Nein, es hat sich vieles geändert. Dass der Kapitalismus alle Chancen wahrnimmt, sich an jedem Ort der Welt festzusetzen, ja vom Innern der Subjekte Besitz zu ergreifen - das ist nichts Neues. Das steht schon im Kommunistischen Manifest. Neu ist, dass er das auch kann. Dass er keine Beißhemmungen und Barrieren mehr kennt.

Aber das ist doch ein Grund für Engagement, nicht für Rückzug!

Gewiss. Engagement hat jedoch Voraussetzungen. Demokratie kann nicht existieren, wenn Ängste wach sind in der Gesellschaft. Und diese Überlebensängste reichen bis tief ins Zentrum. Sie haben inzwischen auch das mittlere Management erfasst. Viele Manager haben dieselbe Angst entlassen zu werden wie Arbeiter.

Stuttgart 21 und auch Gorleben gelten aber vielen gerade als Rückkehr des "politischen Menschen", den Sie in Ihrem neuen Buch fordern.

Ein politischer Mensch braucht aber mehr als solche Anlass-Öffentlichkeiten wie Stuttgart 21 und Gorleben. Er braucht Orientierung, eine hinreichende politische Bildung und Räume, in denen er demokratische Alltags-Erfahrungen machen kann. Und er braucht stabile Bindungen. Aber die momentane Flexibilisierungs-Strategie löst auch solche allmählich auf.

Bei Bindungen denkt man ja gleich an Familie, Nation, Religion. Machen das die Konservativen besser: solche schönen, verlockenden Angebote?

Gute Frage. Und ein schwieriges Problem. Die Rechte schöpft tief aus einem archaischen Urbestand von Bildern. Die politische Linke hatte dagegen schon immer das Monopol auf Begriffe. Aufklärung ist etwas mager in der Bilderwelt, und - in diesem Sinne - auch weniger überzeugungskräftig. Jedenfalls in einer so stark illustrierten Welt wie der unsrigen.

Kommen wir einmal von der Theorie zur Praxis: Wenn man Ihr Buch liest, dann rätselt man richtig, wie aus Ihnen selbst ein politischer Mensch werden konnte.

Ist das so?

Eine Kindheit im Krieg und das Flüchtlingslager in Dänemark. Ein Abitur 1955 an der Oldenburger "Hindenburg-Schule", die mit Sicherheit noch einiges an Hindenburgischem Gedankengut zu bieten hatte.

Allerdings!

Wo waren die Orientierungen, die politische Bildung und die Räume der Demokratie? Wo waren die Bindungen?

Wissen Sie, ich komme aus einem absolut kuriosen Familienzusammenhang. Mein Vater war Kleinbauer - aber ein politisch sehr bewusster Sozialdemokrat. Ich habe gesagt, wenn ich 20 bin, trete ich der SPD bei. Das habe ich auch getan. Sechs Jahre später bin ich allerdings wieder ausgeschlossen worden.

Wie lief das damals?

Ich und andere wollten damals die direkte Auseinandersetzung mit der stalinistischen Denkweise suchen. Wir wollten die DDR-Doktrin mit der Vorstellung vom Sozialismus konfrontieren, wie sie die Frankfurter Schule verkörperte.

Klingt so weit noch recht harmlos.

Ja. Uns wurde das aber als Kooperation und Linksabweichung ausgelegt. Das hat mich verletzt. Ich bin nie wieder in die SPD eingetreten. Die Hälfte meiner Lebenszeit habe ich stattdessen bei den Gewerkschaften verbracht, bei der IG Metall und beim DGB.

Um ihren Wurzeln treu zu bleiben, nehme ich an. Sie sagen, dass Entwurzelung das große Übel für den politischen Menschen ist.

Das ist sie. Dieser Kapitalismus lebt von der Trennung der Menschen von ihren Wurzeln. Dort, wo die Menschen Wurzeln geschlagen haben, verhalten sie sich nicht alleine marktgerecht. Wo sich identitätsfähige Persönlichkeitskerne gebildet haben, verlieren sie die allseitige Verfügbarkeit. Sie sind weniger manipulierbar.

Es geht also um Charakter.

Gewiss. Und die andere Seite ist: Entwurzelte Menschen sind enttäuschbar und nicht konstant an einem Gemeinwesen interessiert. Nur Menschen, die zufrieden sind, die nicht unter Überlebensängsten leiden, verteidigen auch den Lebensraum anderer. Menschen brauchen eine Heimat, so wie Bloch sie verstanden hat.

Und wo ist Ihre eigene Heimat geblieben?

Ich will es so sagen: Es ist eine merkwürdige Sache in meinem Leben, dass ich viel Glück gehabt habe. Aus dem beschossenen und total eingeschlossenen Königsberg noch rauszukommen, einige Tage, nachdem die Gustloff bereits untergegangen war, im Februar 1945. Das hatte viele geglückte Situationen zur Voraussetzung.

Eine Flüchtlings-Biographie, wie sie heute Millionen erleben. Mit allen Folgen.

Ja und nein. Wie gesagt, ich hatte auch Glück. Das fing in der Familie an. Wir sind sieben gewesen, ich hatte fünf ältere Schwestern. Dadurch allein hatte ich einen Beziehungsreichtum, der mich immer begleitet hat.

Heimat "to go" also.

Ernst Bloch hat von der Heimat als Utopie gesprochen. Heimat ist etwas, das ein Versprechen enthält. Bloch verknüpft Demokratie und den politischen Menschen mit der Aufhebung von Entfremdung. Er sagt: "So entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und wo doch niemand war: Heimat."

Und das macht mich politisch?

Heimat ist das Versprechen, dass ich zurückkehren kann. Wenn heute gesagt wird, dass die Menschen flexibel sein müssen, dann fühlen sie sich ihrer Sicherheiten, ihres verlässlichen Standortes beraubt. Aber eine gewisse Standfestigkeit ist notwendig, wenn ich ein politischer Mensch sein will.

Hatten Sie selbst denn dann keine Schwierigkeiten? Als Sohn eines Kleinbauern im elitären Frankfurt? Sie haben bei Adorno und Horkheimer Philosophie studiert und auch promoviert.

Ich habe sie nie so elitär empfunden. Und in einem gewissen Sinne setzte sich dort das Glück fort. Ich hatte damals ein Referat gehalten, über Marx. Das hat Adorno sehr gelobt. Habermas als Assistent hat es korrigiert. Mehr kannte er eigentlich nicht von mir. Aber ein Jahr später, als Habermas eine außerordentliche Professur für Sozialphilosophie in Heidelberg erhielt, kam er zu mir und wollte mich mitnehmen. Als seinen Assistenten.

Sie wirken heute noch etwas erstaunt.

Ich war jedenfalls so verblüfft, dass ich mir erst mal vier Wochen Bedenkzeit ausbedungen habe. Als Habermas meinen Raum verließ, dachte ich: Das war jetzt der Fehler meines Lebens - er kommt nicht ein zweites Mal! Aber er kam wieder.

Konnten Sie sich zumindest in der Philosophie verwurzeln?

Es war ein wenig komplizierter. Gerade in Heidelberg, in der ersten Zeit, mit Gadamer als Regionalfürst. Der hat mir zu verstehen gegeben: Der Negt, der kommt aus der politischen Linken und steht der Arbeiterbewegung nahe - der hat vielleicht nicht genug philosophischen Verstand. Das hätte 1962 noch ein akademisches Todesurteil bedeuten können.

Hat es aber offenbar nicht.

Mich hat es angespornt, im philosophischen Nachdenken nicht nachzulassen. Doch auch als ich etablierter war, habe ich mich an der Universität nie wirklich heimisch gefühlt. Heimisch habe ich mich in der IG Metall gefühlt.

Kant und die IG Metall. Manche wären froh, wenn sie nur eins von beiden verstünden.

Ja. Manchmal denke ich, ich bin der einzige Kopfarbeiter auf weiter Flur, der in einem solchen Spannungsverhältnis tätig ist.

INTERVIEW: EIKE FREESE

 

taz-Nord online 12.12.10

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Fritz Teufel ist Tot

15. Juli 2010 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen

Fritz Teufel war Teil der Kommune 1 in Westberlin in den 1968ern.
Das von  ihm meist zitierte Wort ist: "Wenns der Wahrheitsfindung dient". Das war seine Antwort auf den Richter, der ihn aufforderte im Prozeß aufzustehen. Damals.
Anstatt eines Nachrufs hier ein Text vom ihm selbst, veröffentlicht in der taz im WM-Fussballsommer 1986 :

Fritz Teufel, der taz-Kolumnist

"Wodka mit Jod macht Wangen rot"

Fritz Teufel schrieb für die taz. Hier die Dokumentation einer seiner Kolumnen aus dem Sommer 1986. Es geht um die Fußball-WM, irgendwie. Um "Tschernobühl" und LSD. VON FRITZ TEUFEL

http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/wodka-mit-jod-macht-wangen-rot/

In Ketten gelegt: Fritz Teufel und Gefolgschaft auf dem Weg zum Moabiter Gefängnis im August 1967. Foto: ap

taz-Kolumne von Fritz Teufel, 12. Juni 1986

Wer wird Weltmeister?

Socrates hat gesagt, Fußball sei im öffentlichen Leben von Mexiko und Barbarasilien viel zu wichtig, als daß man die Resultate den Fußballern überlassen dürfe. Die werden vorher ausgehandelt. Nun krümmen sie sich zwar wieder mit schmerzverzerrtem Grinsen auf dem grünen Rasen dort und der matten Scheibe hier wie die Regenwürmer in frisch umgegrabenener Scholle – doch sorgt eine weise Reschie dafür; der Ball bleibt unter Kontrolle!

Daß der Meister als Kinderarzt wiedergekommen ist, der im Mittelfeld die Fäden zieht, spricht für seinen ironieversiegenden Spielwitz. Man darf gespannt sein, in welcher Form ihm diesmal der Schierlingsbecher kredenzt wird. Seine erste Amtshandlung bei der WM: den namensmäßig terrorismusverdächtigen spanischen Torhüter Carlos die Kugel ins Netz zu jagen, erwies sich alsmeisterlicher Schachzug. Aufatmen bei der Bundesanwaltschaft in Carlosruhe, Genugtuung im Weißen Haus, dickes Lob im Bayernkurier.

Ein ganz witziger Schachzug von unserem Bundes-Träner wars ja auch, das Frankfurter Mulit-Würstchen überallmann als Reaktorwart und Bundesgauleiter nach Bonn zu holen. Gau macht schlau, und wie beim Faußball isses ratsam, alles bis ins Detail vorauszuplanen. So könnten etwa die an Krebs zu Erkrankenden rechtzeitig mit dem Mittwochslotto ausgelost werden. Wenn man die Feuerwehrleute im sowjetischen Fernsehen hört, die den Einsatz in Tschernobühl überlebt haben, denen geht’s ja so gut, daß man neidisch werden könnte. Wodka mit Jod macht Wangen rot. Schwarzer Afghan im Lebertran schützt Kinder gegen Strahlenwahn. Lottist Unsinn. Jeder hat ne Chance. Im weiteren Umkreis von Tschernowühl genossen wir das Inferno kühl. Der Juni ist so naß und kalt, den Bürgerkrieg probt die Staatsgewalt, dafür wird sie bezahlt. Wem nützen diese Bauzaunscharmützel? Fragt von hinterm Ofen das alte Fritzl. Tschernowühl hat doch gezeigt, daß von oben zugeschüttet wird. Wem also kommt die Aufgabe zu, die heimischen Akawehs zuzuscheißen? Den Vögeln!

Nicht nur die Brüder Vogel von SPD und CDU, auch große Vögel wie Strauß und kleine Vögel wie Fink und ganz kleine wie mein ehemaliger Mitangeklagter ausm Lorenzprozeß Emsi Embi (MCMB = Mad Crack Mocking Bird), also Andreas Thomas Vogel, alles was fleucht und flattert – bei soviel drohende gereckten Gesäßen sind Kernkraftfreunde ganz verdattert.

Nur einer freut sich ungeheuer in seiner Eigenschaft als Teufel am nuklearen Höllenfeuer. Ich gebs ja zu. Wehrlosen Kindern im süddeutschen Raum wurde schon in den falschen Fuffjajahren per Werbefunk eingehämmert: „PERSODENT MIT IRIUM MACHT DIE ZÄHNE SCHWARZ UND KRUMM!“ Also bellt Pluto der Höllenhund: Kernkraft macht uns kerngesund. Deutsche Akawehs sind die reinste Hurrahkawehs:

Eine Kritikabwehrkanone und eine dreifache Doppelknautschzone, vier Kühlsüsteme, fünf Überrollbügel und kostenlos Strom aufm Armenhügel! Sechs Früh- und sieben Spätwarnsüsteme und dazu acht brühwarme Kreme-Töpfchen voll Irium, sowie neun Teelöffel Hoffmanns Stärke (LSD flüssig) – deshalb sind deutsche Kerkraftwerke WELTMEISTER-Werke. Das haben wir uns selbst eingebrokdorft und jetzt wird’s ausgelöffelt.

Gehören radikale sozialistische Rüstungsgegnerinnen in den Staatsdienst oder in den Landwehrkanal? Fragt man Friedrich Zimmermann, dann fängt der gleich zu wimmern an: „Rosa Luxemburg war Zeitgeschichtlerin, ich bin auch Zeitgeschichtler.“ Insofern hat es ihn auch nicht gestört, Rosa Luxemburg mit dem Filmband in Gold zu schmücken.

Heute würde Ingried Siepmann 42: Apothekerstochter aus Schwelm, Kommunardin, als sogenannte Bank-Lady verhaftet, im Austausch für den entführten Peter Lorenz in den Südjemen geflogen, bei einem israelischen Luftangriff auf ein Beiruter Palästinenserlager umgekommen – auch ein Lebenslauf, der danach schreit, in einem Meer von Druckerschwärze ertränkt, unter einem Berg von Zelluleutseligkeiten erstickt zu werden. Wie die Morgenröte in China war Ina.

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"Die Freundinnen Hanne, Sanne, Anne und das Moortje"

1. Juli 2009 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen

Ein Bild für Hannah oder Ahava heißt Liebe:
"Die Freundinnen Hanne, Sanne, Anne und das Moortje"

Anne Franks Freundin Hannah Goslar erhält mein Aquarell
Ein Erlebnisbericht aus dem Jahre 1999

Von Heide Kramer, Hannover


"Die Freundinnen Hanne, Sanne, Anne und das 
Moortje". Aquarell von ©Heide Kramer. April 1999.

Aus Anne Franks Brief, den sie kurz nach Ostern 1942 nach Basel schickte: 

"Sanne (SUSANNE LEDERMANN) ist so wie ich verrückt nach Moortje. So heißt unsere Katze, die wir seit einem halben Jahr haben. Sie ist ein Weibchen und ich hoffe bald auf Kinder, da sie im Augenblick viele Männer trifft."

Es war mein langgehegter Plan, für die beste Freundin Anne Franks aus der Amsterdamer Emigration eine künstlerische Impression zu erarbeiten. Hannah Pick, geborene Goslar, von Anne in ihrem Tagebuch "Hanne", Hanneli" oder auch "Lies Goosens" genannt, wurde am 12. November 1928 in Berlin geboren und lebt seit 1947 in Jerusalem. Der Wunsch, ihr mein Aquarell aber auch persönlich auszuhändigen, sollte sich realisieren.

"Wer uns zusammen sah, sagte immer: "Da laufen Anne, Hanne und Sanne"

Dieses Zitat aus Anne Franks Tagebuch vom 14. Juni 1942 brachte mich auf die Idee, meinen künstlerischen Experimentiergeist herauszufordern. Doch bevor ich das praktizierte, stellte ich mir selbstkritisch die Frage, ob meine eigenen Möglichkeiten ausreichen würden, den Satz Anne Franks bildnerisch so aussagekräftig zu gestalten, um die Menschen dafür einzunehmen bzw. ihr Interesse zu gewinnen.

Ich stellte mir vor, wie sich das Zusammensein dieser Kinder abgespielt haben könnte: Drei junge Mädchen erfreuen sich ihres Lebens, was an und für sich nichts Außergewöhnliches ist. Doch hier lief es anders: Diesen Mädchen stand die Lebensfreude nicht zu. Ihr Leben war nicht gefragt, es hing am seidenen Faden, vielmehr wurde danach getrachtet, es auszulöschen.

Ernste Gedanken machten sich in der Amsterdamer Emigration die Mädchen Hannah Goslar, Susanne Ledermann (1) und Anne Frank vorläufig nicht. Ihren im Jahre 1933 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland geflohenen Eltern war es bislang gelungen, den Kindern ein sorgloses Leben zu bieten und die politischen Ereignisse von ihnen fernzuhalten. Diese Mädchen gingen ganz normal zur Schule, sie pflegten Freundschaften, Kontakte, Interessen.

Als jedoch am 10. Mai 1940 die Deutsche Wehrmacht die Niederlande überfiel, blieb auch den herangewachsenen Freundinnen nicht mehr alles verborgen. Sie wussten inzwischen sehr gut, was der gelbe Stern bedeutete, der ihnen und unzähligen anderen Menschen angeheftet worden war.

Mein Bild sollte aber ausschließlich der fröhlichen Notiz Anne Franks entsprechen und auch so verstanden werden. Die genannten Aspekte führten endlich zu dem Aquarell "Die Freundinnen Hanne, Sanne, Anne und das Moortje".

Welche Rolle spielt "Moortje"?

"Moortje" war Annes Lebensinhalt und bestimmte ihre Tagesabläufe. Anne Frank dokumentierte ihre "Moortje" intensiv, sodass ich entschied: Die Katze darf auf meinem Bild nicht fehlen. So belegen auch Autorinnen und Autoren die Existenz der "Moortje", wie zum Beispiel Ernst Schnabel in "Anne Frank - Spur eines Kindes", Alison Leslie Gold in "Erinnerungen an Anne Frank" oder Miep Gies in "Meine Zeit mit Anne Frank". Die kleine schwarze Katze "Moortje" gehörte zu Anne, wurde heiß geliebt und im Versteck in der Prinsengracht bitter vermisst. Anne schrieb am 12. Juli 1942: "Moortje ist mein weicher und schwacher Punkt. Ich vermisse sie jede Minute, und niemand weiß, wie oft ich an sie denke". Die Notwendigkeit gebot, die Katze zurückzulassen. (Wie wir heute wissen, gelang es, "Moortje" bei Annes Freundin Toosje (in der Nachbarschaft) sicher unterzubringen.)

 

Die Übergabe

Der 3. Juli 1999 steht nun für die persönliche Übergabe meines Bildes an Hannah Pick. Sie ist derzeit Gast der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen (RAA) in Strausberg, und so kann unser Zusammentreffen günstig eingerichtet werden.

Der 3. Juli fällt auf einen Sonnabend, ein Grund für die strenggläubige Hannah Pick, anlässlich der Schabbath-Feierlichkeiten vorübergehend nach Berlin überzusiedeln. Aber sie nimmt sich Zeit für mich, und wir verabreden 17.00 Uhr für das Treffen in ihrem Berliner Hotel, das sich nahe der Synagoge befindet.

Ich sitze im Gartenlokal des Hotels "Savoy" einer lebensnahen, klugen, aber auch humorvoll-charmanten Dame gegenüber. Hannah Pick ist seit längerem in mein Vorhaben eingeweiht, doch als sie mein Freundinnen-Aquarell entgegennimmt, werden Emotionen spürbar. Ich kenne ihre Biografie seit Jahrzehnten nicht allein aus Annes Tagebuch, sondern von Funk, Fernsehen, aufgezeichneten Gesprächen, ihr Gesicht ist mir von vielen Fotos vertraut. Hannah Pick nun aber wirklich gegenüberzusitzen, ist mir zunächst etwas unbegreiflich. Doch dieses Gefühl ist schnell überwunden. Sie ist sehr aufgeschlossen, aber wiederum distanziert und gefestigt. War diese letztgenannte Eigenschaft gar in jenen grauenvollen Zeiten eine schützende Hülle für die schutzlose Hannah? Ich erfahre, dass ihre im Jahre 1940 in Amsterdam geborene Schwester Gabi sich früher geschworen hat, niemals deutschen Boden zu betreten.

Das Schicksal

Hannah und Gabi Goslar litten mit zahllosen anderen Häftlingen im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Anfang April 1945 entstand hier das Gerücht, das gesamte Lager würde nach Theresienstadt evakuiert werden. Es war jedoch kein Gerücht: Die Nazis beabsichtigten, die Häftlinge loszuwerden, um die Verbrechen auf diese Weise zu vertuschen. Allein und auf sich gestellt, nachdem Eltern und Großeltern gestorben waren, traten die sechzehnjährige Hannah und ihre vierjährige Schwester Gabi gemeinsam mit unzähligen Häftlingen die Fahrt in Viehwaggons an. Noch kurz vorher konnte Hannah in Bergen-Belsen für ihre hier zufällig wiedergefundene Freundin Anne Frank sorgen, für deren Schwester Margot war es bereits zu spät.


Bergen-Belsen: Die Schwestern Hannah (rechts) und 
Gabi (Rachel) am Gedenkstein für Margot und Anne Frank. 
Foto: ©Heide Kramer, 12. November 2002.


Hannover-Besuch am 11. November 2002 als Gäste bei Heide Kramer
Die Schwestern Hannah Pick-Goslar (links) und Gabi (Rachel) Moses-Goslar im Wohnzimmer meiner Mutter
Foto: ©Heide Kramer

Nach zahlreichen qualvollen, immer wieder durch Tiefflieger unterbrochenen Reisetagen im Viehwaggon, Angst und Tod als ständige Begleiter, befanden sich die am Leben gebliebenen Häftlinge unter den unmenschlichsten Bedingungen endlich in der kleinen brandenburgischen Gemeinde Tröbitz. Hier vollzog sich auf den Bahngleisen (2) für sie am 22. April 1945 die "Befreiung" durch die Rote Armee.

Mit von den Soldaten der Roten Armee versehenen Lebensmittelmarken landeten Hannah und Gabi Goslar im verlassenen Haus des Bürgermeisters der benachbarten Gemeinde Schilda. Dieses Haus bot den beiden Mädchen zwar zunächst eine Unterkunft, aber weder Schutz noch Obdach. Als Hannah sich zutiefst erschöpft in ein Bett legen wollte, entdeckte sie an den Wänden des Zimmers eine hellgrüne mit Hakenkreuzen gemusterte Tapete.

Anne Franks Vater Otto hatte nach seiner eigenen Befreiung aus Auschwitz vom Überleben der Schwestern Goslar erfahren. Er beschloss, sich ihrer anzunehmen. Doch bevor dieses für ihn praktizierbar sein konnte, führte der Weg der beiden schwerkranken Mädchen durch Unterstützung des Roten Kreuzes zunächst in ein Lazarett nach Leipzig und anschließend in ein Krankenhaus nach Maastricht. Durch Otto Franks Einsatz gelang es später, die Mädchen zu Verwandten in die Schweiz einreisen zu lassen.

Impressionen

Etwas später setzt sich Hannah Picks fünfzehnjähriger Enkel "Raffi" (Rafael) zu uns in das Gartenlokal. Von ihren zehn Enkelkindern begleitet dieses Mal er seine Großmutter auf ihrer Reise. "Raffi" spricht mit Hannah Pick ausschließlich Hebräisch. "Er lernt jetzt auch gerade Englisch", erklärt sie mir, und ich habe den Eindruck, dass "Raffi" zunächst etwas skeptisch die "Lage" prüft. Sein Vater und Hannah Picks Schwiegersohn Shmuel Meir war stellvertretender Bürgermeister von Jerusalem, bevor er am 3. Dezember 1996 durch einen Autounfall tödlich verunglückte. Ich habe das Buch "Erinnerungen an Anne Frank" mitgenommen. Hannah hat es ihren Kindern und Enkeln, ihrem auf jene tragische Weise gestorbenen Schwiegersohn und Miep Gies, die Margot und Anne Frank beschützt hat, gewidmet.

Ich lenke bewusst das Thema nicht schwerpunktmäßig auf Anne Frank, denn es ist kein Zufall, dass mein Aquarell "die Freundin Hanne" zuerst benennt. Diese Arbeit soll eine Hommage an drei Kinder sein. Doch zwei der Mädchen in meinem Bild hatten den unausweichlichen Todesweg zu gehen: Sanne wurde 1944 in den Gaskammern von Auschwitz ermordet, Anne verhungerte im März 1945 in Bergen-Belsen. Nur die im Bild dargestellte Hanne kam gerade soeben davon. Sie ist gezielt die Empfängerin meines Bildes.

Das Leben nach der Shoa

Hannah Goslar entschloss sich nach dem Krieg, in Israel Kinderkrankenschwester zu werden. Sie arbeitete in den darauffolgenden Jahren auch als Schul- und Sozialschwester an einer Beratungsstelle für Frauen, Mütter und Kinder. Aus dem eigenen Leid heraus ist ihr Bestreben gewachsen, auf der Seite der Schwächeren zu stehen und ihnen zu helfen. Sie heiratet und verwitwet. Gegenwärtig lebt sie allein ohne jedoch allein zu sein, denn sie praktiziert nach wie vor den Dienst an Menschen. Außerdem hat sie eine große Familie.


Mit ihrer großen Familie: Hannah Pick (4. von links, obere Reihe, mit schwarzem
Hut und Halskette, daneben im weißen Kleid und mit schwarzem Hut: Hannahs
Tochter Ruthi Meir. Neben Ruthi (rechts): Das Brautpaar Rafael ("Raffi") und Yaela
Meir (Januar 2008). Mit freundlicher Genehmigung von ©Frau Hannah Pick,
Jerusalem/Israel. 2008.

Eine andere wichtige Aufgabe sieht sie unverändert darin, Nachrichten an die Nachgeborenen zu senden. Dieses bleibt ihr ein ernstes Anliegen. Sie reist in die Welt, um mit Menschen zu reden, Vorträge zu halten und im Sinne des eigenen Erlebten ihre Botschaft mitzuteilen, auch im Sinne Margot und Anne Franks sowie aller Namenlosen, denen zu äußern es nicht vergönnt ist: Nie wieder Auschwitz !

Ausklang eines bedeutungsvollen Tages

Stunden voll intensiver Gespräche, Offenheit mit- und untereinander schaffen eine entsprechende Atmosphäre. Trotz schmerzender Knie möchte Hannah dennoch mit mir einen Spaziergang unternehmen. So gehen wir durch die abendlichen, sehr heißen belebten Straßen Berlins und haben eine Menge Themen, auch der an vielen Dingen äußerst interessierte "Raffi" ist dabei. Hannah Pick zeigt mir ferner, wo sich heute die Synagoge befindet: Sie ist seit Kriegsende in der ehemaligen Loge in einem Hinterhaus in der Joachimsthaler Straße beheimatet.

Um fast 21.00 Uhr begleite ich beide zurück zum Hotel "Savoy". Es ist mein eigener Wunsch, noch mitzukommen. Hannah Pick ist damit einverstanden, und sie bittet mich in dem Zusammenhang um einige Handlungen, die strenggläubige Juden am Schabbath nicht ausführen dürfen. Auch hierin lerne ich eine Menge dazu. So werde ich in ihre Hotelräumlichkeiten eingeladen, und ich betrachte das als Ausklang eines für mich äußerst bedeutungsvollen Tages.

Im Zimmer betrachtet "Raffi" das "Freundinnen-Bild" intensiv und konstatiert, ihm sei aufgefallen, dass seine Großmutter Hannah da aussehe, als sei sie viel älter als ihre Freundinnen Sanne und Anne, sie wirke wie eine Mutter, die sich um alle sorgt. Anne Frank dagegen komme ihm dagegen klein und kindlich vor. -- Hannah Pick gibt ihm recht und lächelt wehmütig: "Das stimmt, ich musste mich ja auch ständig um alle und alles wie eine Mutter kümmern!!"--- Anne Frank war ein halbes Jahr jünger als Hanne und Sanne und tatsächlich für ihr Alter klein und zart.

Bald darauf will "Raffi" von mir wissen, ob ich an Gott glaube, und da kehrt ganz plötzlich das Entsetzensgefühl zu mir zurück, das mich während meiner Exkursion nach Auschwitz im Oktober 1997 auf dem Gelände des Stammlagers I und in Birkenau überfallen hat. Die Antwort, die der ebenfalls strenggläubige "Raffi" von mir erwartet, kann ich ihm nicht unbefangen geben. Hannah blickt mich aufmerksam an, sie durchschaut wohl meine Gedanken und sagt: "Sicher, Gott hat sie alle dorthin gehen lassen..."---


Heute: Rafael Meir ("Raffi") und seine Verlobte
Yaela Vinograd, Jerusalem 2007. Mit 
freundlicher Genehmigung von ©Frau Hannah
Pick, Jerusalem/Israel. 2007.

Mir ist nicht entgangen, dass Hannah aufmerksam das hiesige Geschehen beobachtet, interessierte Fragen stellt und über alles sehr gut informiert ist. Außerdem hat sie ihre ehemalige Muttersprache durchaus nicht vergessen. Sind einige von Hannahs Wurzeln trotz der Entwurzelung in Deutschland verblieben?

Fragende Blicke auf ihre Kopfbedeckung (ein modischer Hut), die trotz kaum auszuhaltender Hitzegrade unverändert auf ihrem Kopf verbleibt, entgehen ihr nicht. Sie verrät den Grund: Es ist ein Ritual strenggläubiger jüdischer Frauen, und später sagt mir Hannah, in ihrem Falle bedeute das auch Würdigung für ihren zweiten verstorbenen, ebenfalls strenggläubigen Ehemann.

Für Hannah Pick gibt es eine verwandtschaftliche Verbindung nach Hannover. Ihr Vater Hans Goslar war Ministerialrat für Innere Angelegenheiten und Pressechef des Preußischen Kabinetts in Berlin bis zu seiner Emigration nach Holland in 1933. Hans Goslar wurde 1889 in Hannover geboren. 1894 zog die Familie nach Berlin. (Mehr zur Geschichte der Familie Goslar)

Als ich zu fortgeschrittener Stunde wieder in meiner Unterkunft bin, schaue ich mir in Ruhe Hannah Picks Geschenk an. Sie hatte mir das kleine Päckchen anfangs im Gartenrestaurant gegeben, und ich höre jetzt deutlich ihre Stimme: "Hoffentlich wird sie oft getragen!" Die silberne Anstecknadel ist die Replik einer Stahlskulptur, die der amerikanische Künstler Robert Indiana im Jahre 1978 kreierte und die dem Israel Museum in Jerusalem als Geschenk übereignet wurde. Das Monument demonstriert außerdem mit dem hebräischen Wort "Ahava" den Wunsch nach Frieden mit und in der Welt: Ahava heißt Liebe.

Nachtrag:

Im Sommer 2000 erfuhr ich von Frau Hannah Pick, dass sie einige Jahre zuvor im Rahmen einer Deutschland-Exkursion die Gemeinden Tröbitz und Schilda in Brandenburg aufgesucht hatte. Sie kontaktierte auch Frau H., die Tochter des im April 1945 amtierenden Bürgermeisters in Schilda. Frau Pick gab sich als Überlebende vom Todeszug nach Theresienstadt und seinerzeit Zufluchtsuchende im Bürgermeisterhaus nach der Befreiung durch die Rote Armee im April 1945 zu erkennen.

Die in Schilda und in ihrem Elternhaus verbliebene Bürgermeistertochter Frau H. beschuldigte Frau Pick jetzt noch des Diebstahls. Die Frau behauptete, nachdem sie in ihr Haus zurückgekehrt sei, habe sie nicht allein dort entsetzliche Verwüstungen vorgefunden, sondern auch zahlreiche Gegenstände vermisst. Erst nach dem Krieg wurde bekannt, dass nach dem Fortgang der Schwestern Goslar in dem verlassenen Bürgermeisterhaus noch andere Flüchtlinge, befreite Häftlinge und Soldaten Obdach suchten und nach einiger Zeit weiterzogen. Frau Hannah Pick klärte Frau H. darüber auf, dass sie und ihre Schwester lediglich ein paar Tage in dem Haus waren und nichts mitnahmen. Frau H. blieb von dieser Aussage unberührt.

Text: ©Heide Kramer, Hannover, Juli 1999. Aktualisiert: Juni 2008. 
Aquarell von ©Heide Kramer. April 1999: "Die Freundinnen Hanne, Sanne, Anne und das Moortje". 
Fotos: ©Archiv. Privatfotos: Mit freundlicher Genehmigung von ©Frau Hannah Pick, Jerusalem/Israel, 2007 und 2008.
Quelle: ©Melissa Müller: "Das Mädchen Anne Frank. Die Biographie", 1998

Anmerkungen:
 Susanne Ledermann, ©Archivfoto; Geboren am 8. Oktober 1928 als zweite Tochter des Rechtsanwalts Dr. Franz Ledermann und seiner Ehefrau Ilse in Berlin/Deutschland. Nach 1933 emigriert die Familie in die Niederlande/Amsterdam. Susanne ("Sanne") Ledermann, Hannah Goslar und Anne Frank lernen sich hier kennen und werden Freundinnen. Sanne Ledermann wird mit ihren Eltern am 20. Juni 1943 bei einer Großrazzia der Deutschen in Amsterdam unmittelbar aus ihrer Wohnung geholt. Die Menschen gelangen über das Judendurchgangslager Westerbork nach Auschwitz und werden dort 1944 ermordet. Susannes ältere Schwester Barbara kann nur deshalb entkommen, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt bei ihrem Freund aufhält. Nach der Deportation der Eltern und der Schwester gelingt es Barbara, bei christlichen Freunden unterzutauchen. Nach 1945 emigriert Barbara Ledermann in die USA. Sie heiratet den Wissenschaftler und späteren Nobelpreisträger Martin Rodbell. Barbara Rodbell-Ledermann lebt inzwischen verwitwet noch heute in North Carolina/USA. 

 Der von der Roten Armee am 22. April 1945 bei Tröbitz in Brandenburg befreite Todeszug ab Bergen-Belsen mit dem Ziel Theresienstadt ist unter der Bezeichnung "Der verlorene Zug" in die Geschichtsschreibung eingegangen.

hagalil.com 26-06-2008

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Zum Gedenken an Anne Franks 80. Geburtstag am 12. Juni 2009

2. Juni 2009 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen


"Margot und Anne Frank in Aachen, 1933". Aquarell von ©Heide Kramer für Gertrud Trenz-Naumann in Frankfurt am Main, Dezember 1998.


Veranstaltungsbroschüre der Stadt Aachen

heimatstadt sein:  http://www.aachen.de/de/kultur_freizeit/pdf_kultur_freizeit/anne_frank_programmheft.pdf

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"Den Bock zum Gärtner machen - ausgerechnet von Danwitz/ Schneverdingen/ MdL wird Oberlandes-Bildungspolitiker der CDU"

16. Mai 2009 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Personen


Quelle: Rotenburger Kreiszeitung 12.05.2009
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